Leseprobe:
Auf einem benachbarten Berg gab es einen geschützten und ruhigen Ort. Ein kleiner Haselhain, durch den plätschernd kleine Bächlein flossen, war vom nächsten Weg nicht einsehbar und so mit dichtem Unterholz umgeben, dass niemand auf die Idee käme, sich durch das Dickicht hindurchzuschlagen. Mittlerweile war es Mitte April und es wimmelte nur so von grünem Leben, überall, wo man hinsah. Zur einen Seite erstreckte sich ein sehr alter Buchenwald, in dem wohl zweihundert Jahre alte Baumriesen lebten. Zur anderen lag eine wilde Wiese, auf der es auch einen kleinen Teich gab, von dem kein Wanderer oder Spaziergänger etwas mitbekam, da er weit entfernt vom nächsten Weg ruhig und einsam da lag.
Der Haselhain war im wahrsten Sinne zauberhaft. Die dicht wachsenden, etwa fünf Jahre alten Bäume standen dicht beieinander im Morast. Schilfähnliche Gräser wuchsen zwischen ihnen und machten es unmöglich hineinzuspähen, selbst wenn man direkt vor dem Wäldchen stand. Hier errichtete ich mir also meine neue Einsiedelei. Ich bahnte mir einen Weg in ausgedehnten Schlangenlinien in die Mitte des Waldes, so dass man, stünde man direkt vor dem Weg, nicht hineinsehen konnte. In der Mitte des Wäldchens schaffte ich mir eine Plattform, auf der ich genügend Platz fand, um nicht nur darauf schlafen zu können, sondern auch in Ruhe zu lesen, Kräuter zu binden oder sonst etwas zu tun. Ich legte stabile Äste in die untersten Astgabeln der jungen Bäume, so dass sie ein gutes Grundgerüst etwa dreißig Zentimeter über dem Boden ergaben. Dann arbeitete ich mit weiteren Hölzern ein Geflecht ein und polsterte es mit Reisig und was sich sonst noch so eignete. Nun noch mein Fell, meine Decke, eine Plane gegen den Regen darüber und fertig war mein neues Haus. Von außen war nichts zu erkennen und vom nächsten Weg schon gar nicht. Das war wichtig, denn im Schwarzwald gibt es keinen Flecken Erde, der niemandem gehört. Mit Förstern und Jägern ist nicht gut Kirschen essen, sollte sich jemand in ihrem Revier häuslich einrichten. Auch die Bauern sehen es nicht gerne, wenn sich jemand auf ihren Almendflächen herumtreibt.
Wildgemüse (Auszug aus: Von Pflanzen und Pflanzenwesen)
Täglich machte ich ausgedehnte Spaziergänge durch das Umland, ausgerüstet mit einem Messer, einem Geweih zum Graben, einem großen Tuch, in dem ich kleinere Kräuter sammelte, meinem als Notizbuch umgearbeiteten Pflanzenführer und einem Wanderstock, mit dessen Nase ich auch an höher hängende Früchte und Blätter kam. So zog ich als wilder Waldschrat umher, mit meiner Hirschlederhose, einem Wildlederhemd, mit Weste und großem Lederhut. Ein Umhang aus warmem Kaschmir, den ich in Salamanca schneidern lies, hielt mich an kalten Tagen warm und schützte mich vor Regen. Ich sammelte alles, was mir essbar erschien, und bestimmte Pflanzen, die ich bis dahin noch nicht kannte. Ich muss sagen, Deutschland und besonders der Schwarzwald ist das reinste Schlaraffenland. Wo man hinschaut, überall saftiges Grün. Und fast alles kann man essen! Es ist auch keinesfalls so, dass man sich bei dem Gedanken so vorkommen muss wie eine Kuh auf der Wiese oder ein Hase im Feld. Nein, es ist wirklich erstaunlich, welche Vielfalt uns die Natur auf den Tisch bringt. Früchte, Wurzeln, Gemüse und Kräuter sind uns als Grundnahrungsmittel ja auch bekannt, wie etwa Äpfel, Kartoffeln, Lauch und Petersilie. All das finden wir in verwandter Form auch im Wald und auf den Wiesen. Zum Beispiel eben Holzäpfel, Wildkirschen, Beeren, wilde Möhren, diverse Blätter und Wildkräuter. Ein Zuchtobst und -gemüse verwöhnter Mensch muss da natürlich Abstriche machen. Ein Holzapfel trägt ja nicht umsonst seinen Namen, denn er ist sehr holzig, eben nicht leicht zu kauen. Und die wilde Möhre, zwar im Geschmack und Aroma der Zuchtmöhre weit überlegen, ist dafür aber sehr faserig. Viele Wildgemüse und Kräuter haben für Nichtgewöhnte einen scharfen und bitteren Nachgeschmack. Das ist ungefähr mit dem Fleisch zu vergleichen. Wild hat da auch seinen ganz speziellen Geschmack, der beim Schwein oder der Kuh so nicht vorkommt. Alles in allem kann ich nicht verstehen, wie es in unseren Breitengraden jemals Hungersnöte geben konnte. Wenn die Menschen Bescheid gewusst hätten, so wären sie in die Natur gezogen und hätten für alle ausreichend Nahrung gefunden.
Beispielsweise unsere Nadelbäume. Fichte, Tanne und Kiefer kennt wohl jeder. Sie sind weit verbreitet und rundum schmackhaft. Die Samen lassen sich zu Mehl mahlen, die Nadeln trocknen, kochen oder direkt roh essen. Auch die Äste lassen sich auskauen. Ihr Saft ist wohlschmeckend und nahrhaft. Dann haben wir unter den Laubbäumen die Eiche, die Birke, Buche, Hasel, Esche und Ahorn. Auch von ihnen kann man Blätter, Triebe und Früchte essen. Gerne zog ich mir einen Ast mit frischen Blättern der Bäume im Vorbeigehen durch die Zähne. Im Wald findet man wie auch auf Wiesen die Vogelmiere. Sie ist nach wie vor mein liebstes Wildgemüse. Äußerst schmackhaft und in der richtigen Menge eine feine Mahlzeit. Sie ist allerdings von der Sternmiere zu unterscheiden, die zwar auch essbar ist, jedoch bitter schmeckt und so faserig ist, dass es keinen Spaß macht, sich an ihr satt zu essen. Die Knoblauchsrauke ist auch weit verbreitet und wie ihr Name uns schon verrät, schmeckt sie nach Knoblauch und eignet sich nicht nur zur Würze, sondern auch als Gemüse. Spitz- und Breitwegerich, Beifuss, Adlerfarntriebe und vieles mehr lassen sich zu guten Suppen verarbeiten oder gleich verzehren. Ich könnte hier etliche Wildpflanzen aufzählen, mit denen man im Wald zu einer Mahlzeit kommt. Auf den Wiesen wächst praktisch gesehen auch nur Nahrhaftes. Alle Sorten von Gräsern kann man essen. Wenn man sich vor so einer Wald- und Wiesenmahlzeit gut über die wenigen, wirklich giftigen Pflanzen, wie etwa Fingerhut, Schierling, Eisenhut und Maiglöckchen informiert, so kann man durchaus auch mal etwas probieren, was man so nicht kennt. Erst daran riechen, genau hinschauen, ob es auch lecker aussieht, und dann mal ein kleines Stück abbeißen. Wenn man eine Pflanze mit den Händen zerreibt, entfaltet sich leicht ein Geruch, der dem Geschmack ähnelt. Wenn es schmeckt und nicht gerade abstoßend stinkt, fehlt vielleicht nur noch ein wenig Mut, richtig zuzubeißen und die Welt der Wildgemüse für sich zu entdecken. Ich würde empfehlen, etwas Neues erst in kleinen Mengen zu probieren und dann die Reaktion des Körpers abzuwarten. Wenn man sensibel für Veränderungen ist, lässt sich damit auch noch mehr über die Pflanze herausfinden, als nur, ob sie zum Beispiel essbar ist. Im schlimmsten Falle wird einem ein wenig schlecht oder es gibt Bauchschmerzen. Dann würde ich einfach eine kleine Menge Erde essen; die bindet die Giftstoffe und führt sie schnell wieder ab! Im Grunde genommen steht dem also nichts im Weg, alternativ zum Supermarkt auch mal in den Wald zu gehen.
Tee und Pfeifenkraut
Ich verbrachte viel Zeit damit, Teekräuter zu sammeln. Ich entdeckte ein interessantes Kraut, welches mich an den uns bekannten Salbei erinnerte: den Salbei Gamander. Dieses hübsche Pflänzchen steht oft am Waldrand, an Wegrändern und freien Stellen. Die Blätter sehen, wie gesagt, dem Küchensalbei sehr ähnlich und haben ein sehr starkes Aroma. Mit dem herkömmlichen Salbei verglichen setzen sie dem Geschmack noch eine besonders würzige Note hinzu, die schwer mit anderen vergleichbar ist, den Geschmack aber merklich aufwerten. Dieser Waldsalbei, wie ich ihn nenne, soll gegen chronischen Schnupfen helfen und ist sonst mit dem herkömmlichen zu vergleichen. Er ist ein wenig bitter und wirkt austreibend sowie bei Entzündungen. Ein Blättchen davon (mehr wäre zu stark) ist eine wohlschmeckende Zugabe bei diversen Kräutertees und lässt sich getrocknet, wie auch frisch, hervorragend in einer Pfeife genießen!
Ich verbrachte viel Zeit damit, verschiedenste Kräuter in der Pfeife zu probieren. Waldsalbei, Thymian, Eichenblätter, Johanniskraut, Kamille, Beifuss, Minze, Kiefernnadeln und viele andere. Wenn man um ihre Wirkung weiss, lassen sich besondere Situationen wundersam mit einem Pfeifchen, gefüllt mit dem passenden Kraut, unterstützen. So rauchte ich beispielsweise Kamillenblüten, um besser in mich zu kehren, wenn ich über irgendetwas nachdachte. Ich rauchte Beifuss in besonderen und heiligen Momenten, etwa wenn ich mit den Bäumen verweilte, oder Johanneskraut und Eichenblätter, um mein innerstes Feuer zu wecken. Kiefernnadeln sind bis heute mein liebstes Tee- und Pfeifenkraut geblieben. Das junge Grün der Nadelbäume hat ein lieblich wundersames Aroma. Ich zähle es scherzhafterweise zu den fünf göttlichen Geschmäckern des Schwarzwaldes, auf die ich noch zu sprechen komme. Das Harz in den Nadeln diente, so sagt man, auch schon vor langer Zeit den Druiden zur Inspiration und öffnet alle Sinne, was ich bestätigen kann.
Kräuter zu rauchen ähnelt dem traditionellen Räuchern. Es ist also auch ein Pfeifchen gegen Krankheiten zu stopfen! Die Inhaltsstoffe der Heilpflanze werden wie beim Räuchern freigesetzt und gehen durch die Atemwege in den Körper über. Beim Räuchern wird derselbe Weg eingeschlagen, davon abgesehen, dass hier auch Stoffe von der Haut aufgenommen werden. Schlüsselblumen sind zum Beispiel schon seit langer Zeit gern im Pfeifchen geraucht worden, um Halsschmerzen und -entzündungen entgegenzuwirken.
Unsichtbar (Auszug aus: Weisheit der Natur - Was die Bäume mich lehrten)
Der Haselhain, in dem ich schon eine Weile wohnte, hütete in seiner Abgeschiedenheit ein seltsames Geheimnis. Eines Morgens, ich saß wie so oft an dem kleinen Bächlein im Moos in der Sonne und genoss die wärmenden Strahlen, umgab mich ein seltsames Surren. Es schien mich vollständig zu verschlucken in auf- und abschwellendem Rhythmus. Ich schaute mich verwundert um, konnte aber keine Quelle für das eigenartige Geräusch vernehmen. Es war ja auch nicht einfach nur ein Geräusch, sondern auch mit einem Gefühl verbunden, dass sich über meinen ganzen Körper legte. Es fühlte sich genau so an, wie ich es hörte. Es kribbelte überall auf der Haut, nur eben so schwach, dass man es eigentlich gar nicht wahrnehmen konnte. Ich horchte in mich und um mich herum, konnte aber nichts Außergewöhnliches bis auf das eigenartige Surren feststellen. Da wurde es auch schon schwächer und verschwand. Ich machte mich noch daran, ein paar Kräuter zum Trocknen aufzuhängen, und vergaß die Geschichte fürs erste.
In den folgenden Tagen erlebte ich dieses Surren immer wieder. Es schien direkt aus mir heraus zu kommen und sich wie ein Mantel über mich zu legen. Ich fand irgendwie Gefallen daran und lernte, es jederzeit aufkommen zu lassen. Es war ganz leicht. Ich brauchte nur daran zu denken und schon war es da. Einmal, ich striff gerade durch den Wald, hörte ich weit vor mir einen Hund laut bellen. Hinter der nächsten Wegbiegung musste also ein Hof oder ein Spaziergänger sein. Den Spaziergängern ging ich eigentlich gerne aus dem Weg, da sie sowieso nur einen Schrecken bekamen, wenn sie mich sahen. Aber wenige Meter weiter sah ich, dass es sich um einen Hof handelte, wo ein großer Hund unruhig in meine Richtung bellte. Ich überlegte noch, wie ich den Hund umgehen könnte, als plötzlich wieder das seltsame Surren um mich herum war und der Hund augenblicklich ruhiger wurde, sich schließlich abwendete und zurück auf seinen Platz vor das Haus schlenderte.
Ich überlegte.
Das war irgendwie merkwürdig. Spontan kam mir eine sonderbare Eingebung. Ich lief entschlossen weiter und überquerte, den Hund beobachtend, den Hof. Er rührte sich nicht. Das Surren klang beständig um mich -- jetzt blieb ich stehen. Direkt zehn Meter vor mir lag der Hund mit offenen Augen und starrte an mir vorbei, als wenn es mich gar nicht gäbe. Es war nicht zu fassen und ich wollte kaum wahrhaben, was mir durch den Kopf ging. Aber es schien genau so zu sein. Ich war wohl irgendwie nicht sichtbar. Ich ging meines Weges weiter, bevor die Götter es sich doch noch anders überlegten und der Hund plötzlich damit konfrontiert würde, dass vor seiner Nase ein wilder Waldschrat aus dem Nichts auftaucht.
Eines sonnigen Tages, ich saß mit der Waldfee auf der Wiese oberhalb des Haselhains, bemerkte ich mitten im Plausch das Surren. Ich sah sie fragend an, um ihre Reaktion zu beobachten. Sie schaute erstaunt zurück und bemerkte mit Verwunderung, ich würde plötzlich mit der Wiese verschmelzen. Ich blieb ganz still und gab ihrem Eindruck etwas Zeit, bevor ich ihr von diesem Phänomen erzählte. Sie lachte und erzählte mir von einer besonderen Eigenschaft der Hasel. In der volkskundlichen Mythologie wird von dem Baum erzählt, er habe unter anderem die Kraft, unsichtbar zu machen, und seit langer Zeit schon hätten Weise und Geistige diese Kraft genutzt. Da staunte ich nicht schlecht; ich hatte mich also seit vielen Tagen im Bann der Haseln bewegt, die mir zum einen gutes Heim waren, zum anderen auch noch mehr. Vielleicht, so dachte ich, lag der Schlüssel darin, mit welcher Sorgfalt ich den Platz erwählte und mich dort einrichtete, um nicht gesehen oder entdeckt zu werden. Unterbewusst wollte ich unsichtbar sein und nun wurde mein Wunsch von den Haselbäumen erfüllt. Bei allem, woran ich glaubte, und bei allem, was ich sonderbares erlebte, war dies doch eines der merkwürdigsten Dinge, die mir je wiederfuhr.
Tanz zur Sommersonnenwende
(Auszug aus: Mit allen Sinnen durch die Natur gehen - Die andere Seite des Waldes finden)
Mittlerweile erreichte der Sommer seinen höchsten Punkt. Sommersonnenwende. An diesem Abend traf ich mich abermals mit der Waldfee, um mit ihr gemeinsam das heilige Fest zu feiern.
Schon vor über zweitausend Jahren wurde die Sommersonnenwende von den Kelten und wahrscheinlich auch von ihren Vorvätern gebührend gefeiert. Es ist der Jahreswechsel des Sommers. Die Sonne hat ihren höchsten Stand erreicht und zieht von nun an ihre Bahnen tiefer. Die Tage werden wieder kürzer. Es ist auch das Fest der Liebe und des Tanzes. Man springt über das Feuer, um dabei das Alte hinter sich zu lassen und gereinigt in die neue Zeit zu kommen.
Wie es sich für eine richtige Waldfee gehört, war sie in dieser Nacht natürlich andersweltlichen Dingen verpflichtet. So hatten wir nur eine verkürzte Feier. Es war also kurz vor Mitternacht, als ich mich auf den Weg machte, um meinen derzeitigen Schlafplatz auf der anderen Seite des Berges zu erreichen. Ich wechselte ab und an mein Quartier in den Wäldern, um möglichst viele verschiedene Orte kennenzulernen und so mehr über sie zu erfahren. Ich ging also meines Weges und bog nach rechts in den Tannenwald ein, der hinauf über den Berg führte. Dieser Wald gehört zu denen, die des nachts so düster sind, dass man die eigene Hand nicht vor Augen sehen kann. Die einzige Möglichkeit, ihn in finsterer Nacht zu durchqueren, ist die, dass man ihn sehr gut kennt. Das war ja auch bei mir der Fall und so ging ich vorsichtig durch's Dunkel und gab mir Mühe, den Weg nicht zu verlieren. Zum Durchqueren des Waldes in dieser Mittsommernacht ist eigentlich nur zu sagen, dass es Mitternacht war, ich wie üblich fünfzehn Minuten brauchte, um auf der anderen Seite wieder herauszukommen, den Berg überquerte und mein Nachtlager am Waldrand unter einer großen Fichte aufschlug. Dafür brauchte ich insgesamt eine halbe Stunde. Nur, als ich dann so unter meiner Fichte auf dem Fell lag und vor mich hindöste, ging plötzlich am Horizont die Sonne auf!
Das war nicht zu fassen...
Während ich noch staunend dasaß und verzweifelt versuchte zu verstehen, wie ich jetzt für einen Weg von dreißig Minuten ganze viereinhalb Stunden benötigte, ohne es zu bemerken, krähte in der Ferne der erste Hahn. Was war denn jetzt mit der Zeit passiert? Als ich das nächste mal die Waldfee traf, vergewisserte ich mich zuerst bei ihr, dass es tatsächlich Mitternacht war, als wir uns verabschiedeten, bevor ich meinem Zeitverlust von vier Stunden Glauben schenken konnte. Ich war empört. Volle vier Stunden und ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Es heißt, dass die Naturgeister in der Mittsommernacht manchmal einen Menschen zum Tanze verleiten, er sich aber anschließend an nichts mehr erinnern kann. Wenn dem so war, so war ich auch froh, dass ich nur vier Stunden tanzte, denn es heißt auch, dass so ein kurzer Tanz in unserer Welt viele Jahre dauern kann und der ahnungslose Tänzer eines Morgens im Moos erwacht und über Nacht zum Greis wurde. Da war mir die halbe Nacht doch lieber; dennoch versuchte ich noch lange, mich daran zu erinnern, was ich in jener Nacht erlebte, jedoch ohne Erfolg. Ich ging noch einmal des Nachts in diesen Wald und beschwerte mich offiziell darüber, was aber offensichtlich niemanden interessierte. Damit musste ich leben. Auch wenn ich es schade fand.
Begegnungen mit Tieren ( Auszug aus: Ein Teil der Natur sein - Freundschaft mit Tieren und Pflanzen)
Ein neuer Schlafplatz am Waldrand mit Blick über's Land war befreiend nach so langer Zeit im Haselhain. So romantisch und verwunschen es in einem jungen Auwäldchen, umgeben von Moos und Schilfgräsern, eingerahmt von glucksenden Bächlein, auch ist, so sehr fühlte ich mich von dieser Umgebung verschluckt. Es kann so unterschiedlich sein, im Wald zu leben: im tiefen Tal, auf dem Berg, am Fluss oder am Bach, in weiter Flur oder im dichten Unterholz, überall ist es anders. Ein Ort kann wunderschön sein, etwa wie in einem Märchenbuch. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es sich dort gut leben oder auch gut schlafen lässt. Ich probierte verschiedene Stellen aus. Wenn ich also bei meinen Rundgängen einen geeigneten Platz fand, so errichtete ich dort mein Lager. Dazu brauchte ich ja nicht viel. Dinge, die ich nicht ständig mit mir herumtragen wollte, ließ ich im Haselhain oder an einem anderen Platz. Eines Nachts erwachte ich, weil mich irgendetwas am Ohr kitzelte. Völlig schlaftrunken runzelte ich die Stirn und machte die Augen auf. Da sah mich erschrocken ein junger Fuchs an. Kurze Stille. Wir überlegten beide. Und dann, mit einem großen Satz, verschwand der rote Kerl im Dunkel der Bäume. Was muss der wohl gedacht haben? Schläft da ein merkwürdiges Tier unter dem Baum. Halb Fell, halb geschoren, mit langen Haaren und auch blanker Haut, eingehüllt in ein weiches Tuch und roch doch nach Wald!
Mit den Tieren hatte ich meine ganz besonderen Erlebnisse. Da ich ja nun schon sehr lange Zeit im Wald war, gab es keinerlei Spuren mehr an mir, die nicht in den Wald gehörten. Ich roch nach Wald, ich trug die Farben des Waldes, ich aß von ihm und ich wurde auch ein Teil seiner Welt. Ich war ein Waldmensch geworden. Die Tiere kannten mich ja schon, vom Sehen oder von Begegnungen, denn ich blieb ja in einem bestimmten Gebiet, das ich eigentlich auch nicht verließ.
Eines morgens frühstückte ich mit einem Eichhörnchen. In der vorherigen Nacht schlief ich auf einem hohen Felsplatz inmitten eines Buchenwaldes, der einen schönen Ausblick über das Tal bot. Am Morgen hatte ich einen Korb vor mir, gefüllt mit Wurzeln, Beeren, frischen Kräutern und ein paar Früchten, die ich alle auf einem Tuch vor mir ausbreitete und mir schmecken ließ. Da kam ein Eichhörnchen den Hang hinauf geflitzt, hielt kurz vor mir an, schnupperte, begutachtete mich und machte es sich letztlich an meinem Tisch bequem. Erst rührte ich mich nicht, um das kleine Tier nicht zu verjagen, merkte dann aber schnell, dass ich ruhig vorsichtig weiteressen konnte. Das Hörnchen schenkte mir einen vertrauenswürdigen Blick und ging mit seiner Beute einfach ein Stück zur Seite, wenn ich ihm mit meiner großen Hand zu nahe kam, um mir auch etwas zu nehmen. Nach kurzer Zeit hatte es sich satt gegessen und verschwand dankbar wieder in der Richtung, aus der es kam. Vielerlei Wildtiere taten es ähnlich mit mir und ich muss sagen, es gab auch keinen anderen Grund, es anders zu halten. Wir lebten im selben Wald, achteten einander und keiner wollte dem anderen etwas Schlechtes. Die perfekte Beziehung, für ein friedliches Zusammenleben.
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Auszüge aus: Der Waldläufer, Tim von Lindenau
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