Freitag, 4. November 2011

Der Fluch des Nebelkönigs

Diese überaus spannende humorvolle und temporeiche Utopie erzählt die Geschichte von Valentin Holdertal, der durch eine Vision auf die längst vergessenen Hintergründe der weltweiten Finanzproblematik stößt. Ein uralter Fluch, welcher den Mythen der germanischen Götter- und Siegfriedsaga entsprang, scheint verantwortlich für die große Pleite.

Leseprobe


„Was der Kerl auch anfasst… Bei meinem Barte! Davon abgesehen, er rettete uns das Leben. In dem Moment wo Hreidmar uns die Fesseln abnahm, hätten wir ihn überwältigen und das ganze verfluchte Gold samt Fell zurück in den Norden bringen sollen! Das wäre ein geringeres Übel gewesen und nur von kurzer Dauer!“, schnaubte er, so dass die Bücher drohten von meinen Regalen zu fallen.
„Als dann kurze Zeit nach uns die Nachricht vom Tode Hreidmars in meinen Hallen eintraf, vom eigenen Sohn erschlagen, war mir klar welche Wende die Geschichte nahm. Da braucht mir Loki nichts erzählen! Aber Met drüber und auf bessere Zeiten.“
Man konnte ihm deutlich ansehen, dass dieser gewaltige Kerl von einem Gott „heilfroh“ war, über die Wende der alten Mähre, die nun schon so weit zurück lag, dass unsere fleißigen Wissenschaftler auch nicht die geringste Spur aus dieser Epoche fanden, die sie davon überzeugt hätte, wahrhaftig an so alte Geschichten zu glauben.
Julian Stroke spie einen ordentlichen Schluck seines Tees über die Lehne seines Sessels und rang nach Luft.
„Met drüber! Nun ist die Sache ja ausgestanden.“, keuchte er mit errötetem Gesicht, während er versuchte mit seinem Taschentuch die Sessellehne zu trocknen.
„Wir sind alle sehr froh über dieses glückliche Ende und ich kann nur hoffen, dass sich eine ähnliche Geschichte nicht wiederholt! Wir sollten etwas gelernt haben.“
Odin lachte.
„Gelernt! Das dürfte wohl nicht reichen. Aber wie dem auch sei, es wird Zeit, ich habe noch anderes zu erledigen! Valentin, Julian, auf ein Weiteres in den nächsten Wochen!“
Mit einem unglaublichen Donner verabschiedete er sich und verschwand, begleitet von einem langanhaltenden Nachhall.
„Auch ich habe noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen…“, sagte ich, „bleib ruhig sitzen und genieße deinen Tee, Julian!“
Das ließ Julian sich nicht zweimal sagen. Er liebt meinen Tee über alles.
„Ich habe noch fünf Stunden, bis mein Flieger zurück nach Edinburgh geht. Im Ministerium wartet ein Haufen Arbeit auf mich.“
Ich verließ die Stube und machte mich daran noch etwas Ordnung im Haus zu schaffen.






Wie alles begann

Es begab sich vor vielen Tausend Jahren, dass Odin, Hönir und Loki über Land zogen. Auf einer Felsklippe sah Loki einen Otter liegen, der einen Lachs verspeiste. In Gedanken an eine spätere Mahlzeit war der Otter schnell mit einem gezielten Steinwurf erlegt. Loki nahm seinen Fang, befestigte ihn an seinem Gürtel und zog mit seinen Gefährten weiter.
Am Abend kamen die Götter an die Hütte des zauberkundigen Riesen Hreidmar, der ihnen ein Lager für die Nacht bot. Als sie zu später Stunde schliefen, rief Hreidmar seine Söhne Regin und Fafnir, die gemeinsam in dem erschlagenen Otter, den die Asen mit sich trugen, ihren Bruder Otr erkannten. Otr liebte es in dieser Gestalt Lachse zu jagen.
Die Riesen waren empört und blickten rachsüchtig auf die schlafenden Götter. Da fesselten sie die Asen mit unzerreißbaren Stricken und drohten ihnen mit dem Tode, wenn sie nicht bereit wären für Otr's Tod aufzukommen. Hreidmar zog seinem toten Sohn das Fell ab und forderte von den Göttern den Balg mit Gold zu füllen, bis er aufrecht stehen könne und ihn anschließend mit Gold zu bedecken, dass man kein Haar mehr an ihm sehen könne. In dieser Not hatte der listenreiche Loki gleich eine Idee. Er wusst von einem unermesslichen Goldschatz im Land der Nibelungen. Er schlug vor seine Gefährten als Pfand zurück zu lassen und das Gold zu holen. Hreidmar war einverstanden und so zog Loki nach Niflheim. Die Zwerge hüteten dort Berge von Gold und Loki drohte ihrem König Andwari mit dem sofortigen Tode, wenn er ihm nicht den Goldschatz gebe. Auch den wertvollen Ring der Nibelungen, der Gold mehren konnte, zwang er ihm ab.
Vor Zorn darüber verfluchte Andwari den Schatz, während Loki mit ihm davonging.

„Zum Verderben nahmst du mir den Schatz, zum Verderben den Ring, und wer je ihn besitzt, der soll darum erschlagen werden! Niemand soll Freude haben am Gold bis an den Tag, da alles wieder mein ist.“

Zurückgekehrt von seinem Raubzug, erfüllte Loki sein Versprechen und die Götter stopften gemeinsam den Balg, der sich erstaunlich ausdehnte, und bedeckten ihn mit dem Gold. Hreidmar ging um den schimmernden Berg von Geschmeide auf und ab und fand zuletzt noch ein sichtbares Haar, so dass Loki auch den Ring Andwaronaut hergeben musste.
Bevor die Götter weiterzogen warnte Loki den Riesen, dass der Schatz, wie auch der Ring verflucht sei, doch Hreidmar, geblendet vom Reichtum, wollte nichts von alldem wissen.

Noch am selben Abend forderten Hreidmars Söhne auch etwas von dem Gold, jedoch verwehrte der Vater seinen Söhnen diesen Wunsch und so wurde er in der gleichen Nacht von Fafnir erschlagen, der sich sogleich in einen bösen Drachen verwandelte. Als sein Bruder das sah und ebenfalls seinen Teil des Goldes forderte, verweigerte auch Fafnir ihm diesen Wunsch und drohte, dass es ihm so ergehen würde wie ihrem Vater. Da floh Regin und Fafnir zog mit dem Schatz in die Gnitaheide in eine Höhle und legte seinen gewaltigen Leib auf dem Gold nieder.

„Da waren Halsringe; Armreifen, und Fingerringe aus schmalen Goldbändern, zwischen denen geschliffene Steine: Türkis, Karfunkel, Perlmutter oder Bernstein schimmerten. Da gab es große Fibeln, Gürtelschnallen und Gewandnadeln in Form von Tieren: von Adlern und Drachen aus kleinen goldenen Zellen, die mit blitzendem Gestein gefüllt waren. Da gleißten Schwerter mit Griffen aus Gold, besetzt mit kostbaren Steinen.“

Viele Jahre gingen ins Land, da erschlug Siegfried von Xanten den Drachen Fafnir und nahm den Schatz samt Fluch an sich, was ihm unmittelbar zum Verhängnis wurde, denn kurze Zeit darauf wurde auch er ein Opfer des Fluchs und vererbte seinen Besitz an seine schöne Frau Kriemhild, die das Gold wiederum an den Mörder Siegfrieds, Hagen von Tronje, verlohr, der ihn in der tiefsten Stelle des Rheins versenkte. Hier beginnt die jahrhunderte lange Suche nach dem Schatz der Nibelungen.




*




Es half nichts. Ich musste den Schatz finden, heben und ihn seinem rechtmäßigen Besitzer zurückbringen. Doch was war aus Andwari geworden? Wer war er, was war er, und wo ist er geblieben? Lebt er noch, oder ist er gefallen im Kampf, erschlagen oder unsterblich? Sein Geist mochte ewig leben, gebunden an seinen Schatz, der irgendwo in den Tiefen des Rheins versenkt, und möglicherweise längst geborgen und verschafft wurde.

Ich überlegte.

Es wäre töricht den Schatz zu suchen ohne die Hilfe Andwaris und sich somit den Fluch aufzuladen, selbst wenn man ihn fände. Und wer weiß mehr über den Schatz, wem ist am Ehesten daran gelegen ihn zurück zu bekommen und wer hat die Möglichkeiten ihn aus der Welt der Geister heraus zu erspähen. Also setzte ich mich an den Rechner und stöberte ein wenig im Internet. Doch schnell bemerkte ich, dass dies nicht der richtige Weg ist, um die Spuren Andwaris zurück zu verfolgen. Zu wenig weiß man über den Zwergenkönig aus Niflheim, der anscheinend als prächtiger Hecht in einem Wasserfall stehen soll. Nur was haben Hechte mit Zwergen gemeinsam und wieviel Wahrheit steckt in den so oft übersetzten Schriften und Erzählungen? Ich saß also in meinem Sessel und lies meinen Gedanken freien Lauf. Der Fluch der Nibelungen – der Grund für Neid, Habgier und Verderben? Der Grund für die derzeitige Wirtschaftskriese?

Von neuen Ideen bewegt, warf ich noch einmal einen Blick in das Netz und fand die Telefonnummer eines Germanistik-Professors der Universität in Freiburg heraus, griff zum Telefon und rief ihn an: „Hallo. Mein Name ist Valentin Holdertal, Ich habe Ihre Telefonnummer im Internet gefunden und hätte da ein paar offene Fragen zur Nibelungensaga.“
„Da bin ich nicht der Richtige, aber versuchen Sie es doch bei Herrn Professor Doktor Schiefer. Der kennt sich da aus.“
Der Professor gab mir eine E-Mailadresse mit der ich die Telefonnummer von Herrn Professor Schiefer herausfand. Schon eine Stunde später sprachen wir über meine Fragen und vereinbarten ein Telefonat nach achtzehn Uhr. Die Zwischenzeit vertrieb ich mir mit der Edda und weiterer Literatur zum Thema. Mir rauchte der Kopf! Langsam wurde mir deutlich, dass ich es hier fast ausschließlich nur mit Spekulationen zu tun hatte und mich überkam das Gefühl einen steinigen Weg durch dicke Nebel eingeschlagen zu haben.

Andwari -keiner schien sich jemals für den König der Nibelungen interessiert zu haben.

Um achtzehn Uhr rief ich dann den Professor Dr. Schiefer noch einmal an, jedoch ohne Erfolg. Ich versuchte es weiter im Viertelstundenrhythmus und um achtzehn Uhr dreißig hatte ich schließlich Glück. Ich erklärte ihm kurz mein Problem und wir einigten uns darauf, dass es ein Problem ist.
„Aber das ist noch lange kein Grund zu verzagen“, sagte der Professor, „es gibt da immerhin noch das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Heinrich Beck, da empfehle ich Ihnen den zweiten Band oder das Lexikon der altgermanischen Literatur von Simeck, die Merseburger Zaubersprüche und natürlich die Böhmische Mythologie.“
Unmerklich stöhnte ich auf und bedankte mich freundlich für die Literaturtipps.
Fast wäre das Gespräch auch schon beendet gewesen, warf ich zum Ärgernis des Professors noch eine weitere Frage ein: „Sagen Sie, wie schätzen Sie eigentlich den zeitlichen Rahmen für die historischen Tatsachen der Nibelungen ein?“
Es knisterte in der Leitung und ich spürte eindeutig, dass der Professor schon von seinem Abendessen träumte und mir mehr aus Anstand als aus Interesse seine kostbare Zeit schenkte.
„Nun … , die Wissenschaft ist sich einig, dass sich das Ganze im Zeitraum des fünften bis sechsten Jahrhunderts abgespielt hat!“, erwähnte er genervt.
„Aber viele Fakten der Geschichte sprechen doch dagegen“, sagte ich, „wenn bekannterweise die Germanen zur Zeit Christi schon vom Mythos Walhalla als „alte Mähre“ sprachen, wie soll dann sechshundert Jahre später eine solche Geschichte ernsthaft stattgefunden haben?“
Es knackte wiedermals. Eine weitere Frage brauchte ich gar nicht erst zu stellen...
„Denken Sie, dass eine für die Wissenschaft unvorstellbare Zeit einige tausend Jahre vor Christi existiert haben könnte, von der rein archäologisch kaum etwas übrig lieb?“
Für einen Bruchteil einer Sekunde brachte ich den Professors zum Grübeln.
„Ja, das wäre schon möglich.“
Jetzt war’s wohl zuviel. Der Professor merkte das er es hier nur mit einem Spinner zu tun haben konnte. Er beteuerte, ich könne bei weiteren Problemen ja noch einmal anrufen und legte schnell auf.




Ein Lichtblick

Am nächsten Tag ging ich das Ganze noch einmal auf anderem Wege an. Ich fand die Telefonnummer der Universität Salzburg heraus, wo ein überaus freundlicher Germanistik-Professor, voller Begeisterung über meinen Anruf aus Deutschland, sofort auf eine Kollegin zu sprechen kam, die hauptsächlich im Bereich der Nibelungensaga forscht. Da sei auch noch Dr. Müller, doch der befinde sich zurzeit im Urlaub.
Ich erzählte ihm von meiner Suche nach dem Grab Andwaris und er versprach mir sich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden zurückzumelden. Jetzt sah die Welt schon anders aus. Voller Freude darüber, dass es auch noch Menschen gibt die sich für etwas begeistern können, das real fragwürdig scheint und mit Eifer versuchen zu helfen. Ich war nun der festen Überzeugung: „Das wird schon werden.“
Tatsächlich fand ich am nächsten Tag eine neue E-Mail vor.



Sehr geehrter Herr Holdertal,

ich freue mich außerordentlich von Ihren Forschungen in Sachen Nibelungen zu hören. Besonders interessiert mich Ihre neuartige Herangehensweise über Andwari.
Um der Geschichte näher auf den Grund zu gehen, lade ich Sie herzlichst ein, auf der Feier, nach dem nächsten Kongress der Germanisten, am letzten Freitag Abend diesen Monats nach Salzburg zu kommen. Die Adresse finden sie im Anhang.

Freundlichst

Dr. Elisabeet Saale



Dreizehn Tage später stieg ich in den Expresszug nach Salzburg. Es war eine unerträgliche Hitze und so war ich dankbar über das letzte Ticket erster Klasse, welches mir eine angenehme und klimatisierte Reise bescherte.
Auf dem Platz neben mir saß ein junger Mann. Anfang zwanzig, dunkles, gepflegtes Haar, in eine Mappe voller Papiere vertieft. Bei näherem Hinsehen bemerkte ich, dass es sich um einen Archäologiestudenten handeln musste. „Kulturhistorische Funde des frühen Mittelalters“ las ich. „Das ist äußerst interessant.“, sagte ich leise vor mich hin.
„Finden Sie?“
„Oh, ja! Ich beschäftige mich gerade mit einem ähnlichen Thema – gewissermaßen.“
„So“, fragte er, „in welchem Gebiet denn?“
„Nun, ich versuche dem Geheimnis des Nibelungenschatzes auf den Grund zu kommen.“
Der Student lachte. „Ein Schatzjäger!“
„Nein … Auf keinen Fall! Die Sache ist anders.
Er zog die Augenbrauen hoch und nickte. „Sie haben also kulturelle Hintergründe?“
„Ja, schon eher. Ich hab’ da so eine Idee und ich glaube … aber was erzähle ich.“
„Bisher noch nicht viel, aber ich bin gespannt was noch kommt.“
„Also gut vielleicht vertreibt es uns ein wenig die Zeit.“
Ich fing an dem jungen Mann von meiner Idee zu erzählen, den Nibelungenschatz mit Hilfe eines Geistes zu finden und war gespannt auf seine Reaktion. Wahrlich musste ich mir keinerlei Sorgen darüber machen, dass der neugierige Student mir daraufhin zuvorkommen wollte. Eher vielleicht, dass er kopfschüttelnd den Platz verließ, um sich neben jemand anderen zu setzen.
„Das ist doch nicht Ihr Ernst!“, schallte es zu meinem Erstaunen von der Sitzgruppe hinter uns.
Ich blickte mich um und sah durch die Lehnen hindurch einen älteren, grauhaarigen Herren, der ein Gesicht machte, als hätte er sich seit der Wirtschaftswunderzeit nicht mehr so sehr amüsiert. Er lachte herzlich weiter und widmete sich wieder seiner Zeitung.
„Ihre Vorgehensweise ist außerhalb aller wissenschaftlichen Verhältnisse durchaus interessant“, sagte der Student, „ich bin Florian Schatt, Sie können mich gerne Schatt nennen.“
„Freut mich“, sagte ich, „ich bin Valentin Holdertal.“
„Was machen Sie in Österreich? Fahren Sie bis Salzburg?“ fragte Schatt.
„Ja, ich treffe dort eine Germanistin. Morgen Abend.“
„Ich fahre auch dorthin. Besuche meinen Großvater. Gehen wir doch heute Abend gemeinsam etwas trinken – haben Sie Lust ?“
„Gerne! So sehe ich noch etwas von der Stadt.“

Der Zug ratterte ruhig durchs Land. Wir vertrieben uns die Zeit mit Gesprächen über Archäologie und berühmte Funde. Ich bemerkte bei Schatt auch zunehmend wachsendes Interesse an meinem Projekt und so vertieften wir uns gemeinsam ins Pläneschmieden den Schatz der Nibelungen zu finden.




Verschwörung


Den Abend saßen wir in einer kleinen Gaststätte und redeten über Gott und die Welt.
Schatt beugte sich zu mir herüber und verfiel in einen Flüsterton: „Ist dir der Kerl, schräg gegenüber von uns, aufgefallen?“
„Besonders heute Abend.“ Antworte ich. „Ich bemerkte ihn schon im Zug, nur hielt ich das für ein Hirngespinst. Mich würde ja interessieren was für ein Interesse er an mir hat. Da fällt mir patu nichts ein.“
Jetzt drehte er sich weg und suchte hilflos nach der Kellnerin.
„Merkwürdig.“, dachte ich. Ich weiß nicht warum, musste ich an den Brief der Germanistin denken. Aber den Gedanken verwarf ich im gleichen Moment. Schatt bestellte noch zwei Glas von dem Roten. Das war mir eigentlich gar nicht recht.
„Ich muss morgen früh raus. Ich wollte noch über Mittag in die Bibliothek. Aber was soll’s … Zum Wohl!“
„Zum Wohl, Valentin.“ Schatt nahm einen großen Schluck und verfiel ins Grübeln: „Sag mal, wie weit bist du mit deinen Forschungen oder gibt’s da irgendwas, das von Bedeutung wäre?“
„Von Bedeutung? Ja, ist das etwa nicht von Bedeutung!?…“ Ich lachte. „Es gibt nichts Bedeutendes. Und auch sonst … Ich kann mir nicht vorstellen, was ein Kerl wie der an mir fressen könnte. Ich bleib vorsichtig – man wird sehen.“
Ich zog es vor Schatt zunächst nichts von der verrückten Idee zu erzählen, dass die derzeitige Wirtschaftskriese mich auf die Idee mit dem verfluchten Gold brachte. Ich hatte ja auch keine Idee wie das eine mit dem anderen zusammenhängen könnte. Denn nur weil ein alter Schatz verflucht wurde, hat das ja nicht unmittelbar mit internationalen Finanzen zu tun. Es war mehr oder weniger meine Erfahrung mit Visionen. Ich konnte nicht anders als ihnen auf den Grund zu folgen.
Wir zahlten und verabschiedeten uns vor der Gaststätte.

Ich schlenderte Richtung Pension. Diesen Abend war es eine, für eine Stadt angenehme kühle Luft, und ich betrachtete interessiert die Architektur der alten Häuser.
Ich musste wieder an den Brief der Frau Doktor Saale denken. Irgendwas kam mir da faul vor. Ich setzte mich auf den Treppenabsatz eines geschlossenen Lokals und holte den Brief hervor.

„ …Ich freue mich außerordentlich von Ihren Forschungen in Sachen Nibelungen zu hören. Besonders interessiert mich Ihre neuartige Herangehensweise über Andwari.“

„So, so, interessiert Sie besonders …“  Was war das? Am Eck der letzten Straße sah ich für kurze Zeit schemenhaft ein Gesicht verschwinden. Ich wartete. Dann vorsichtig hervorschauend wieder. Ich stand auf, steckte den Brief zurück in die Tasche und ging unbekümmert meinen Weg. Deutlich hörte ich die gleichmäßigen Schritte ungefähr dreißig Meter hinter mir. Ich bog ein paar Mal wahllos ab und versteckte mich in einem Hauseingang.
Die Schritte kamen näher. Jetzt bog er in die Straße ein, in der ich versteckt wartete. Zehn Meter, acht ... – Ich holte tief Luft. Sechs Meter, vier ... deutlich tauchte mein Verfolger auf
und lief jetzt etwas schneller werdend an mir vorbei. Ich schaute ihm hinter dem Hauseingang lauernd hinterher.

Kehrtwende!

Er wurde schneller und als er an der nächsten Straße bemerkte, dass ich fort war, blieb er stehen, drehte sich um, wieder zurück und fluchte.
Jetzt wusste ich, woran ich mit dem Kerl war und als nächstes ... Er wendete sich nach links und ging die Straße runter. Sofort sprang ich aus der Tür und hinter ihm her.
Ungefähr zehn Minuten verfolgte ich ihn unbemerkt, bis zu einem Park. Er durchquerte ihn, ohne dabei auf die Wege zu achten und verschwand auf der anderen Seite im Eingang einer alten Villa. Langsam näherte ich mich dem Tor, während die Eingangstür mit einem lauten Knall hinter ihm zufiel. Ich schlich durch den kleinen Vorgarten und lauschte. Nichts zu hören. Durch die Einfahrt hinter dem Haus fand ich einen großen eingewachsenen Garten vor, umgeben von hohen Mauern. Ein Licht brannte in einem, ans Haus angebauten Pavillon.
Ich schlich geduckt unter den Fenstern die Wand entlang, bis kurz vor den Anbau und lauschte wiedermals.

„Ich hab ihn verloren, in der Innenstadt.“
„Und du weißt nicht, wo er untergekommen ist?“
„Nein.“
„Verflucht! Morgen früh machst du dich sofort auf den Weg ihn zu finden! Du Trottel … Lass dir was einfallen! Ich will genau wissen was er unternimmt. Genau! Hast du mich verstanden?“
„Ja.“

Ich versuchte, etwas zu sehen, befürchtete aber selbst entdeckt zu werden. Was ging hier vor sich? Leider war das Gespräch im Haus damit auch schon beendet, so dass ich für den Abend, oder besser die Nacht, nichts weiter erfuhr. Ich notierte mir die Adresse des Hauses. An der Türe stand kein Name.

Eine halbe Stunde später kam ich in meine Pension. Eine nette alte Dame kam aus einem Hinterzimmer hervor, in dem ein Fernseher lief und begrüßte mich freundlich.
„Hatten Sie eine gute Reise?“
„Oh, ja. Ich habe auch schon einiges von der Stadt gesehen. Sehr hübsch, gefällt mir!“
„Haben Sie noch Hunger?“
„Nein, danke.“
„Und zum Frühstück?“
„Da machen Sie mir doch bitte zwei Toast, etwas Butter und ein hartgekochtes Ei. Und einen Orangensaft, bitte.“
„Sehr gerne. Kaffee?“
„Nein, danke“
„Dann schlafen Sie gut!“
„Danke! Auch Ihnen eine gute Nacht!“
Ich ging die knarrenden Treppen hinauf und fand am Ende des Flurs mein Zimmer – nach hinten raus, wie gemacht für mich. Vor dem Einschlafen ließ ich mir noch mal die Ereignisse des Tages durch den Kopf gehen und fiel dann in einen tiefen Schlaf.




*




Am nächsten Morgen schien die Stadt zu singen. Eine dicke Taube gurrte auf meiner Fensterbank und flatterte erschrocken davon, als ich mich rekelnd umdrehte. Die Spatzen hielten Gespräche, wild durcheinander, und durch den Türschlitz strahlte die Morgensonne über den blankpolierten Dielenboden.
Neun Uhr dreißig. Höchste Zeit. Während ich mich wusch, klopfte es an die Tür.
„Herr Holdertal! Huhu …“
„Ja. Guten Morgen?“
„Es ist schon so spät! Kann ich Ihnen Ihr Frühstück machen?“
„Oh ja bitte! Können Sie es mir aufs Zimmer bringen?“
„Selbstverständlich. Bis gleich!“
„Ja, danke.“
Etwas später klopfte es wieder. Ich öffnete.
„Haben Sie gut geschlafen?“
„Ja, sehr. Nur nicht lang genug. Aber was für ein Zimmer! Es ist wunderbar ruhig.“
„So, jetzt lassen Sie es sich schmecken.“
Im Handumdrehen zauberte die alte Dame ein tolles Frühstück auf den Tisch, nahm ihr Tablett unter den Arm und wünschte mir einen guten Appetit.
„Ich komme dann später zum Ordnung machen. Lassen Sie ruhig stehen.“
Die Gute ließ mir auch eine schon gelesene Zeitung da. Ein perfekter Morgen.



In der Zeitung las ich von dem Germanistenkongress. Der Schwerpunkt ist hier nicht erwähnenswert. Nach dem Frühstück erkundigte ich mich bei der Hausdame nach dem Weg zur Bibliothek und bedankte mich für das hervorragende Frühstück.
„Der Orangensaft war super! Könnte ich morgen vielleicht eine kleine Karaffe davon haben?“
„Sehr gerne“, sagte sie mit einem zufriedenen Lächeln, das sich über ihr gesamtes Gesicht zog, „einen schönen Tag noch und wie gesagt, aus dem Haus rechts, die Straße runter und an der Brücke links, immer geradeaus.“

Ich folgte ihrer Wegbeschreibung und kam nach fünfzehn Minuten am Ziel an.

Während ich kurze Zeit später in alten Büchern versunken war, der Saal war menschenleer, vernahm ich eine merkwürdige Stimmung. Die Luft vibrierte und schien immer dicker zu werden. Ich bekam Ohrensausen und versuchte das beklemmende Gefühl abzuschütteln, als plötzlich der Spuk mit einem Mal vorbei war.
„Valentin. Ich hab gedacht das ich dich hier finde.“
Verdattert drehte ich mich um.
„Schatt!“ Noch immer vibrierte die eben verzogene Stimmung in meinen Knochen „Was machst du denn hier?“
„Ich wusste nichts mit mir anzufangen und da dachte ich, vielleicht kann ich dich bei deiner Arbeit unterstützen. Mein Großvater ist offensichtlich schlecht gelaunt und ich glaube nicht das sich das in nächster Zeit ändert.“
„Schön. Ich meine, dass du da bist. Du glaubst mir nicht, was gestern Nacht noch passiert ist.“
Ich erzählte ihm von der Verfolgung und dem Gespräch in der Villa und wirklich, er konnte es kaum glauben.
Ich beschloss diese unheimliche Bibliothek zu verlassen und fragte Schatt ob er Lust hätte, sich mit mir bei der Villa etwas umzusehen. Er war sichtlich angetan und wir machten uns auf den Weg zum Park. In etwa zwei Stunden würde der Kongress beginnen und um neunzehn Uhr die Feierlichkeiten, zu denen ich von der Frau Professor eingeladen war. Wir hatten also ausreichend Zeit, vielleicht etwas herauszufinden.

Bei Tag wirkte der Park ganz anders. Ich bewunderte die alten Bäume und stellte mir vor, wie es wohl wäre, annähernd zweihundert Jahre hier inmitten dieser Stadt zu wurzeln.
„Bäume gehören halt in den Wald.“, sagte ich.
Ich hatte Probleme die Villa am Tage wiederzuerkennen, und griff zu meiner Notiz.
„Die dreiundddreißig ist es. Genau hier sind wir richtig.“
Wir setzten uns zunächst auf eine der Parkbänke und schauten wortlos zu dem alten Bau hinüber. Da kam eilig ein Mann in einem geschmacklosen Blouson gekleidet die Straße herauf und ging in das besagte Haus.
„Das ist der Kerl“, sagte ich, „eindeutig! Ein Glück, dass er uns nicht gesehen hat.“
Auch Schatt erkannte ihn wieder und wir überlegten gerade, was wir jetzt tun könnten, als ein Auto vor der Villa hielt und drei Personen ausstiegen.
„Da schau! Eso’s“, sagte Schatt, „was wird das denn jetzt?“
In den nächsten zehn Minuten trafen noch neun weitere Personen ein und wir bekamen den Eindruck, als würden in diesem Haus Seminare oder irgendwelche Sitzungen abgehalten.
Geduldig warteten wir ab was passiert.
Schatt verschwand zwischendurch und tauchte mit einer Tüte Gebäck wieder auf, die wir gerade mit Genuss verzehrten, als die ganze Gruppe geschlossen das Haus verließ. Einige stiegen in Autos, andere gingen zu Fuß Richtung Innenstadt. Da sprang Schatt erneut auf und rannte noch kauernderweise einer jungen rothaarigen Frau hinterher. Ich sah, wie er sie ansprach, sie sich zwei Minuten unterhielten und schon war er wieder zurück.
„Ich habe sie gefragt, ob ein Mann, den ich mir ausdachte, dort gewesen sei. Ich sagte, ich sollte ihn abholen. Daraufhin erzählte sie mir von Tamaru. Sie ist eine Geisterbeschwörerin.“
„Eine Geisterbeschwörerin? Nun, wenn sie mit ihren Geistern so umspringt, wie mit ihrem Blouson- Helden, dann ist sie wohl eher eine Geisterausbeuterin.“, sagte ich spöttisch.
„Aber natürlich! … Nein, … Vergiss es!“
„Vergiss was?“, fragte Schatt.
„Na ja, irgendwie, ... Aber das wäre zu absurd“
Ich wollte nicht aussprechen, was mir da durch den Kopf ging.
„Du denkst, irgendwelche Geister wissen von deinem Plan und mischen sich jetzt ein? Du spinnst…“
Schatt verblüffte mich. Er hatte Recht, genau das hatte ich zumindest befürchtet.




Im Visier der Eule

Jetzt kam ein Wagen aus der Garage der Villa gefahren, hielt vor dem Eingang, eine in weite Tücher gekleidete Frau stieg hinzu und sie fuhren die Straße runter.
„Hast du sie erkannt?“, fragte Schatt
„Nein, ich hab nichts gesehen. Das war’s dann wohl für heute. Was hältst du davon, mich auf der Feier zu begleiten ? Wird bestimmt interessant.“
„Gerne. Vielleicht wäre das in Anbetracht der Geschehnisse auch besser.“
Wir verabredeten uns für viertelvorsieben am Haupteingang der Aula und ich machte mich noch auf den Weg zur Pension, um mich dort noch ein wenig auszuruhen.
Als ich das Gästehaus betrat wurde ich freundlich empfangen.
„Ach, hallo! Wie war Ihr Tag in der Bibliothek? Haben Sie gefunden, wonach Sie suchten?“
Die alte Dame war gerade beim Putzen der Treppe, als ich das Haus betrat.
„Zumindest nicht das was ich erwartet hatte, aber fündig bin ich geworden“, sagte ich. „Wären Sie so nett um halb Sieben kurz an meiner Tür zu klopfen? Ich will mich noch ein wenig ausruhen.“

Pünktlich um die abgemachte Zeit, wartete Schatt bereits auf mich. Wir betraten das Gebäude,
folgten den Schildern und meldeten uns an. Schatt gab sich als meinen Mitarbeiter aus.
Ich erkundete mich nach Frau Doktor Saale, doch konnte der Herr am Empfang nur mit den Schultern zucken.
„Tut mir Leid, die aber die Frau Doktor ist schon seit Tagen nicht mehr in der Universität gewesen.“
Also gingen wir schnurstracks auf die Bar zu, um uns ein kaltes Getränk zu gönnen.
Der Saal war gestopft mit Leuten. Bei dem Wetter eine Zumutung.
„Das ist ja kaum auszuhalten“, sagte Schatt, „die Hitze hier drin ist ja unerträglich!“
„Ja schon, nur würde mich interessieren, wie wir jetzt die Frau Doktor finden.“
Die Frage sollte sich in diesem Moment erübrigen, als eine Dame mit streng gebundenen Haaren und dem ausdrucksstarken Gesicht einer Eule in kariertem Rockanzug auf uns zu kam.
„Sie müssen Herr Holdertal sein!“, sprach sie mich an.
„Ja, freut mich Sie kennen zu lernen, Frau Professor. Das ist mein Assistent Florian Schatt.“
Man reichte sich die Hände und sie führte uns in einen Nebenraum, in dem die Luft nicht ganz so stickig war. Wir setzten uns an einen freien Tisch und atmeten auf.
„Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Sie den Schatz der Nibelungen finden können?“
Ich staunte, denn das hatte ich ihrem Kollegen gegenüber gar nicht erwähnt, sondern mich als Schriftsteller ausgegeben. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, antwortete ich mit einem breiten Grinsen: „Warum sollte ich das nicht tun? Und warum nicht können?“
„Machen Sie keine Scherze! Der Schatz existiert doch überhaupt nicht. Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Saga und weiß, dass die Geschichte aus reinem Interesse an der Freude entstand. Wie viele andere. Für mich zählt der kulturelle Wert.“
„Wenn Sie es sagen.“
„So ist es. Allerdings ist Ihre Herangehensweise über Andwari sehr interessant. Soweit mir bekannt ist, wurde die Geschichte aus dieser Ecke noch nie angegangen. Ich hoffe etwas mehr über Ihre Recherchen zu erfahren. Das finde ich höchst amüsant!“
„Ich fürchte da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, da ich selber am Anfang meiner Arbeit stehe.“
Schatt sah mit warnenden Blick zu mir herüber. Von dieser Frau würde ich wohl kaum etwas erfahren, was mir von Nutzen wäre und es wäre besser ihr nichts von meinem Plan zu erzählen. Sie wusste irgendwas, irgendwoher und sie wollte mehr von mir wissen. Warum auch immer.
Grinsend stand ich auf.
„Nun, da wir zweierlei Ansichten haben, wird es wenig Sinn machen, weitere Zeit miteinander zu vergeuden. Ich danke Ihnen für die Einladung und wünsche noch einen schönen Abend.“
Verdutzt blieb sie allein an ihrem Tisch sitzen, während wir uns entfernten.
„Du bist ja direkt!“, sagte Schatt.
„Gerne, ja …“
Ich ging vor um's Eck und stellte mich ans Ende der Bar. Schatt gesellte sich wortlos neben mich.
„Hast du ein Handy? –mit Fotoapparat?“
„Ja …“
„Schnell beeil dich, hol’ es raus“
Eilig kramte Schatt in seiner Tasche, fand das Telefon und drückte auf den Tasten herum.
„Da. Schnell … schieß!“
Die Frau Professor kam schnellen Schrittes aus dem Nebensaal und steuerte auf den Ausgang zu. Schatt machte im richtigen Moment ein Foto und schon war sie durch die Tür.
Wir rannten hinterher.
Draußen vor der Tür blieb sie kurz stehen und telefonierte. Ich riss Schatt das Telefon aus der Hand und fragte den Portier, ob er hier im Haus arbeiten würde.
„Ich bin hier der Hausmeister.“, antwortete er.
„Haben Sie diese Frau schon mal gesehen – Ich meine ist sie Professorin in der Universität?“
„Die? Nein! Das wüsste ich.“
„Hab’ ich’s mir gedacht. Danke.“
„Valentin, sie fährt!“, rief Schatt.
„Mensch – das ist doch derselbe Wagen!“

Jetzt waren wir ein kleines Stück schlauer. Nur, was ich mir daraus zusammenreimte, gefiel mir gar nicht. Und auch Schatt machte ein ernsthaftes Gesicht.
Ich sagte aufmunternd: „Komm, wir gehen was trinken.“




Als ich in der Nacht durch die Straßen Salzburgs zur Pension ging, gab es niemanden der mich verfolgte. Die alte Dame schien schon zu schlafen und ich bemühte mich leise durch das Haus zu gehen. Im ersten Stock, den Flur entlang, fiel mir noch ein am Empfang einen Zettel zu hinterlassen. Schatt wollte zum Frühstück kommen.
Als ich dann auf zweitem Wege kurz vor meiner Zimmertür war, hatte ich wieder so ein merkwürdiges Gefühl. Leise näherte ich mich der Tür, nahm vorsichtig den Schlüssel, brachte ihn in Position und steckte ihn dann in Windeseile ins Schloss, drehte ihn um und hatte im selben Augenblick die Tür aufgestoßen. Ein Windzug kam mir entgegen, das Fenster schlug zu und es blieb mir kaum Zeit, den Schatten zu sehen, der fast im gleichen Moment durch mich hindurch zudringen schien und im Dunkeln des Flurs verschwand. Ich wankte mit angehaltenem Atem. „Heilandssack! Ich hasse das!“
Wenn ich etwas absolut nicht leiden kann, so sind es Geister die Abkürzungen durch meine Mitte nehmen. Ein furchtbares Gefühl!
Ich hatte mich wieder gefasst und machte mich daran zu schauen ob alles beim Alten war. Im Zimmer gab es keinerlei Spuren. Was einzig blieb, war ein Gefühl von Missgunst und Entschlossenheit, dass mein nächtlicher Besucher im Raum hinterließ. Sonst war nichts zu vernehmen.
Mit wem würde ich es hier wohl zu tun haben und was bewog ihn, zu versuchen mich an meiner Arbeit zu hindern? Mit diesen Gedanken schlief ich ein.

Am nächsten Morgen saß Schatt schon im Speisesaal, als ich völlig verschlafen runter kam.
Der Toast duftete schon seit ein paar Minuten bis ins obere Stockwerk.
Noch während wir uns begrüßten, schüttete ich mir ein Glas Orangensaft im Stehen ein.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte Schatt
„Nachdem ich meinen Besuch vertrieben hatte, schon.“, antwortete ich mit einem Gähnen.
„Was denn für einen Besuch?“
„Nun ja, so genau kann ich das auch nicht sagen. Wer von den alten Burgundern hätte denn am Ehesten Interesse daran, mich von meinem Vorhaben abzubringen?“
Schatt runzelte die Stirn.
„Langsam bekomme ich den Eindruck, dass du entweder total verrückt, oder ein wenig übersensibel bist. Aber das würde phantastisch passen. Hagen von Tronje nimmt Kontakt zu unserer spiritistischen Eule auf und versucht mit ihrer Hilfe deine Arbeit zu manipulieren!
Ha! Das wäre ein Film.“
„Man könnte fast sagen, das ist so. Wie soll das sonst zusammenpassen?“
„Gute Frage“, murmelte Schatt, „nehmen wir einmal an, das ist so … Dann sollten wir schnellstmöglich diesen Andwari aufsuchen. Er könnte uns …“
„Wir? Hast du gerade gesagt …“
„Oh, ich dachte … Na ja. Würdest du mich mitnehmen?“
Ich überlegte einen Moment, während ich die letzten Reste aus der Schale meines Eies kratzte.
„Also gut! Versuchen wir es. Vier Augen sehen mehr als zwei.“
Schatt freute sich. Ja, ich hatte den Eindruck das ihn längst das Jagdfieber gepackt hatte und er würde mir eine große Hilfe sein.
Nach dem Frühstück machten wir uns gemeinsam auf den Weg zur Bibliothek. Wie auch gestern war sie menschenleer. Es waren Ferien und die meisten Studenten wohl nach Hause gefahren. Wir verbrachten den ganzen Tag in alten und auch neuen Schmökern.

Am späten Abend hatten wir einiges Material zusammengetragen und es schien durchaus möglich mit Hilfe von Dritten den Aufenthaltsort Andwaris herauszufinden. Wir gingen den Stapel Kopien noch einmal durch, in der Hoffnung das er dadurch kleiner würde und uns den Dritten ersparen könnte, als plötzlich das Licht mit einem Knall erlosch und ein eiskalter Wind durch den aufgeheizten Saal ging.
Schatt wollte gerade seinen Schrecken zum Ausdruck bringen, aber mit einem klaren Laut hielt ich ihn davon ab.

Stille.

Wie aus den Tiefen der Erde erhob sich ein Grollen und ein Wind kam auf. Schatt hielt im letzten Moment die Kopien auf dem Tisch davon ab, irgendwo am hintersten Ende der Regale im Dunkeln zu verschwinden. Der Deckel des Kopierapparates flog auf und riss im selben Moment aus seiner Halterung. Irgendwo ging eine Lampe zu Bruch und die Schiebeleitern der Regale bewegten sich wie von Geisterhand in den Schienen.
„Was um Himmelswillen soll das“, schrie Schatt,  „Valentin! Was ist hier los?“
„Das würde mich auch interessieren! Schnapp die Kopien und dann raus hier!“
Ich sprang auf, der Stuhl kippte um, und wir liefen so schnell es ging zum Ausgang. Der Wind wurde so stark, dass nun auch die Bücher aus den Regalen fielen und ein Computertisch fiel um, so dass der Monitor mit lautem Getöse auf den Boden schlug. Funken sprühten – Feuer!
„Valentin! Ich kriege die Tür nicht auf! Sie ist verschlossen.“
Schon standen die ersten Regale in Flammen, doch die Sprenkleranlage gab keinen Tropfen von sich.
„Schatt!“ Rief ich. „Wir müssen woanders raus …“
Das Feuer verbreitete sich rasend schnell und es war an Löschen gar nicht zu denken. Die wirbelnde Luft mischte sich mit Rauch und es blieb uns nicht viel Zeit. Ich rannte zu einem der Fenster und versuchte es zu öffnen, doch es ließ sich nur kippen.
„Schnell! Wir nehmen einen von den Tischen und werfen die Scheibe ein!“
Gesagt, getan. Schnell sprangen wir die zwei Meter hinunter auf die Wiese und waren in dem Moment, wo die Sirenen der Feuerwehr ertönten, auch schon ins Grün verschwunden.
Hundert Meter weiter hielten wir an. Völlig außer Atem.
„Mensch Valentin, das ist ja gar nicht zu fassen! Was um Himmelswillen ging da vor sich?“
„So sieht das wohl aus, wenn jemand die Faxen wirklich dicke hat. Ich hab’ ja schon so manches erlebt, aber das war nicht schlecht! Wir sitzen wirklich in der Klemme.“
Schatt schüttelte den Kopf.
„Wir können unmöglich zur Polizei gehen, das glaubt uns niemand! Ich meine, ... ich kann das gar nicht glauben.“




Andwarafors

Am nächsten Morgen brach Professor Dr. Müller nach einem schreckensverheißenden Telefonat verfrüht seinen Urlaub ab. Seine Frau war wenig angetan.
„Du wirst es nicht glauben, in der Bibliothek ist ein Feuer ausgebrochen.“
„Ein Feuer? In der Bibliothek? Wie konnte das geschehen?“
„Die Sprenkleranlage funktionierte aus irgendeinem Grund nicht. Aber da ist noch etwas sehr merkwürdig. Bevor das Feuer ausbrach, muss die gesamte Bibliothek verwüstet worden sein.“ Der Professor machte ein angestrengtes Gesicht. „Wer sollte so etwas tun? Wir fahren unverzüglich zurück. Packe bitte die Sachen zusammen.“

Nach sechs Stunden Fahrt und einem kurzen Stopp zu Hause fuhr er direkt in die Universität.
Ein Kollege kam ihm schon auf dem Parkplatz entgegen.
„Doktor Müller! Es ist entsetzlich! Die gesamte Literatur ist verloren, unbrauchbar die Reste.
Die Polizei und die Spurensicherung stellt alles auf den Kopf!“
Mit großen Schritten eilten sie in das Gebäude auf einen Polizisten zu, der ihnen gerade den Eintritt verweigern wollte.
„Wie konnte das geschehen“, fragte Dr. Müller den Uniformierten, „lassen Sie mich bitte durch, ich muss in mein Büro!“
Der Polizist nickte.
„Welches Zimmer ist das?“
„B212.“
„Ich schicke gleich einen Kollegen vorbei. Er wird Ihnen einige Fragen stellen.“
Sie wollten erst in die Bibliothek schauen, aber da gab es kein Durchkommen und Dr. Müller erkannte, dass es dort auch nichts zu retten gab.
Einige Minuten später saß er allein in seinem Büro und starrte hilflos ein Loch in das Bild neben seinem Schreibtisch, als es an der Türe klopfte.
„Herein!“
Die Tür ging auf und ein kleiner, stämmiger Mann betrat den Raum.
„So, eine merkwürdige Angelegenheit. Mein Name ist Fried. Kommissar. Sie sind gerade aus dem Urlaub zurück? Ich frage aus reiner Neugierde.“
„Ja, gerade vor einer dreiviertel Stunde. Meine Frau war wenig erfreut.“
„Es ist uns einiges unklar. Unmittelbar vor dem Feuer wurde die gesamte Bibliothek völlig verwüstet. Was erstaunlich ist: sämtliche Bücher und Gegenstände fielen zu einer Seite. Wie wenn ein starker Windstoß, mit der Kraft einer Welle, durch den Saal gegangen wäre.“
Der Professor wurde bleich.
„Haben Sie vielleicht eine plausible Erklärung für dieses Phänomen? Äußerst ungewöhnlich! Finden Sie nicht auch?“
„Allerdings …“, stammelte der Professor, „sind Sie sich da ganz sicher?“
„Leider – ja. Wir können uns das nicht erklären.“
„Da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ich werde mir Gedanken machen und mich bei Ihnen melden, wenn mir etwas einfällt.“

Da saß der Herr Professor und überlegte. Besorgt stand er auf und ging zum Büro des Hausmeisters. Dieser erzählte ihm von einem unheimlichen Krach, den er am Vorabend vernahm. Er rannte zur Bücherei und fand die Tür verschlossen. Als er den Schlüssel in das Schloss steckte, ließ sich dieser nicht drehen, als blockiere irgendetwas das Schloss und so musste der arme  Mann von außen mit anhören was drinnen vor sich ging.
„Sie hätten es nicht geglaubt! Da war im wahrsten Sinne die Hölle los. Alles im Saal muss von einem Sturm durch die Luft gewirbelt worden sein. Es war unglaublich! Und dann waren da noch diese Stimmen.“
„Stimmen?“, fragte der Professor.
„Ja! Ich denke zwei Männer waren im Saal und es machte den Eindruck, dass sie da nicht freiwillig waren. Sie versuchten ebenfalls die Türe zu öffnen und als ihnen das nicht gelang, lief ich in mein Büro und alarmierte die Feuerwehr. Die Beiden müssen dann wohl durchs Fenster raus sein, sind allerdings verschwunden. Die Polizei hat keine brauchbaren Spuren mehr finden können.“





Am Morgen des dritten Tages las ich in der Zeitung von unserem Erlebnis und erfuhr auf diesem Wege das der Professor Doktor Müller nun verfrüht wieder von seinem Urlaub zurückgekehrt war. Da stand auch etwas vom rätselhaften Verschwinden der Frau Doktor Saale, die vor bereits drei Tagen das letzte Mal von Kollegen gesehen wurde und bislang verschwunden blieb. Auch wir wurden nach der Aussage des Hausmeisters erwähnt, jedoch hinterließ der Brand keinerlei Spuren.
Es klopfte an meiner Zimmertür und Schatt stand aufgeregt mit einer weiteren Zeitung in der Hand vor mir.
„Sie suchen nach uns! Mein Gott hoffentlich hat uns keiner gesehen.“
„Das wird schon“, sagte ich, „wir haben ja nichts verbrochen. Die Polizei tappt im Dunkeln und das ist gut so! Ich möchte denen die Situation nicht erklären! Wir müssen uns mit dem Professor in Verbindung setzen. Er wird uns nicht nur helfen können, mein Gefühl sagt mir, dass er uns auch glauben wird. Am Besten rufe ich ihn direkt an, bevor noch etwas geschieht.“

Gesagt, getan, trafen wir uns noch am selben Nachmittag in einem Restaurant außerhalb der Stadt.
Ich erklärte dem Professor die ganze Geschichte und wartete seine Reaktion ab.
Der Professor nickte bedächtig und zu meinem Erstaunen fing er nach einer kurzen Ruhepause an zu lachen. Schatt hatte dafür kein Verständnis.
„Können Sie mir sagen, was daran so lustig ist?“
„Oh … Entschuldigen Sie bitte, aber … ist das nicht lustig!? Ich meine … wer auf so eine irrwitzige Idee kommt wie Sie, Herr Holdertal, und dann auch noch in solch phantastische Abenteuer rutscht, das ist doch nicht zu fassen!“
„Bedeutet das, Sie glauben mir die Geschichte?“
„Ja, warum denn nicht? Sie sind doch ein ernst zu nehmender Mensch. Wenn Ihre Geschichte erfunden wäre, so hätten Sie mir bestimmt nicht gebeichtet, dass Sie vor dem - oder besser bei dem - Brand in der Bibliothek waren. Das wäre doch Wahnsinn! Außerdem war die Ursache des Feuers ja nachweislich auch höchst ungewöhnlich, wenn nicht zusagen unerklärbar. Ein Sturm in einer Bibliothek!“
Jetzt musste auch ich lachen.
„Ja, ein äußerst unpassender Ort für einen Sturm!“

Der Professor wurde wieder ernster und berichtete, dass die Polizei vermutet, das Verschwinden von Frau Professor Doktor Saale hätte etwas mit dem mysteriösen Brand zu tun, jedoch fanden sie bisher keine einleuchtende Verbindung.
„Ich nehme an, dass diese Dame, die sich statt ihrer mit Ihnen traf, etwas mit der Entführung zu tun hat.“, sagte der Professor.
„Nur können wir das der Polizei wohl kaum erzählen, ohne dabei in Schwierigkeiten zu kommen“, entgegnete ich, „ich denke, ich werde einen anonymen Brief an die Polizei schicken, um sie auf die richtige Fährte zu bringen. Wenn sie über diesen Weg auf uns aufmerksam werden sollten, so werden sie uns wahrscheinlich eher Glauben schenken.“
Der Professor und Schatt nickten.
„Ich werde das gleich tun, doch müssen wir Sie bitten, Herr Professor, uns auf der Suche nach dem Grab Andwaris zu helfen. Wir sollten so schnell wie möglich die Stadt verlassen und ihn aufsuchen. Wer weiß, was sonst noch alles passiert.“
Mit einem großen Schluck lehrte ich mein Wasser und bestellte beim vorbeieilenden Kellner ein weiteres.
„Andwari steht der Sage nach im Körper eines Hechts in einem Wasserfall, des Andwarafors in Niflheim. Ich muss diesen Ort finden, um mit Andwari zu sprechen.“
Der Professor lachte wiedermals.
„Da haben Sie sich ja was vorgenommen …Und nun soll ich Ihnen helfen, diesen Ort zu finden?“
„Richtig! Wenn Sie können.“
„Bei euch drüben in Deutschland gibt es im Allgäu eine Gegend, die nennt sich Nibelgau.“
Jetzt staunte ich nicht schlecht! Der Wirt kam, brachte mein Wasser und fragte, ob noch jemand etwas wünsche.
„Nibelgau, das kommt von Nebel ...“ Dachte ich laut. „Das währe ja mit Nebelheim zu übersetzen! Im weitesten Sinne.“
Ich nahm einen großen Schluck von meinem Wasser.
„Zugegeben, dass ist nicht viel.“ Sagte der Professor. „Allerdings stammen viele Sagen aus Süddeutschland. Sonst wüsste ich nichts – niemand hat sich je dafür interessiert.“
„Das haben wir gleich“, entgegnete ich.
Ich griff in meine Tasche und beförderte meinen Labtop zu Tage, stach in eine Suchmaschine und kurze Zeit später staunte ich über die geographischen Begebenheiten des Nibelgaus. Nach einigen Minuten des Stöberns fasste ich zusammen, während Schatt und Dr. Müller sich angeregt unterhielten.
„ Hört mal her, was ich herausgefunden habe: Der Nibelgau ist eine Landschaft im südöstlichen Baden Württemberg, im sogenannten Oberschwaben, Landkreis Ravensburg. Er umfasst hauptsächlich das Tal der Flüsse Aitrach und Eschach rund um die Stadt Leutkirch. Dieses zu größten Teilen Jungmoränenland, ist auch die Landschaft der östlichen Gletscherzungen des Rheingletschers der letzten Eiszeit. Die Gegend gehört zu den niederschlagsreichsten im südöstlichen Oberschwaben, weshalb sie wohl zu ihrem Namen kam. Durch die geografisch bedingten, hohen Niederschläge, kommt es hier zu überhäufigen Nebeln.

„Unglaublich!“  brach es aus dem Professor heraus. „Das klingt fast nach Niflheim“
Die beiden überlegten.
Ich grinste.
„Meiner Rechnung nach, kommt das hin. Wenn es die Asen gab, dann lebten sie wahrscheinlich in der Zeit zwischen dreißigtausend bis achttausend vor Christi. Zur besagten Zeit – das ist ja Wahnsinn!“
Ein gewichtiger Gedanke drängte sich mir auf.
„Wenn der dortige Reingletscher innerhalb dieser Zeit noch existierte, so hätte man das besagte Eis, welches aus dem eiskalten Norden in den Abgrund des Riesen Ymir fließt. Na, wo die Kuh Audumla Odins Vater aus dem Eis herausleckte! Wo also einst der Rheingletscher war, finden wir heute das eiskalte Nebelland: Niflheim. Die Heimstätte Andwaris und der Nibelungen. Also Schatt, was sagst du?“
Auffordernd schaute ich Schatt an. Ich hatte mir schon gedacht, dass ich keine dicken Bücher an Informationen finden würde, aber das war ein gescheiter Anhaltspunkt.
„Geht es los?“
„Wenn wir mehr erfahren wollen, dann am besten vor Ort.“
Sagte Schatt mit einem glänzen in den Augen.
„Auf geht’s!“
„Moment!“ Sagte ich, während mein Blick auf der Seite der Suchmaschiene verharrte, welche ich gerade schließen wollte.
„Da ist – das gibt es doch nicht.“
Unter den Suchergebnissen fand ich einen Blockeintrag, wo mit ausgefeilten Suchbegriffen mein Name im Zusammenhang meiner Forschung stand. Ein Journalist schrieb erst vor wenigen  Stunden über meine Suche nach dem Gold der Nibelungen und was noch merkwürdiger war, er schien in seinem Artikel den Eindruck vermitteln zu wollen, als wäre ich bereits kurz vor dem Ziel!
„Wie kann das sein? Außer uns und einer Hand voll Leuten weiß niemand von der Geschichte. Ein Journalist würde so eine Sache niemals veröffentlichen – das klingt hier alles so plausibel ...“
Wir konnten uns keinen Reim darauf machen.
„Valentin. Jeder der nun nach dem Thema forscht stößt früher oder später auf Deinen Namen und unsere Suche!“ gab Schatt missmutig von sich.
„So sieht das wohl aus.“ entgegnete ich.
„Wir kümmern uns später darum – hoffentlich beschert uns das nicht noch mehr Ärger.“

Wir beschlossen unsere Sachen zu holen und unverzüglich aufzubrechen. Ich bedankte mich noch bei Professor Müller für seine Hilfe und das große Vertrauen und wir vereinbarten uns nicht begegnet zu sein.
„Wenn ihr etwas herausgefunden habt, so lasst es mich wissen. Am Besten per Post. Viel Glück!“

Die Sache mit dem Artikel ging mir nicht aus dem Kopf. Wie kam der Mann an diese Information und warum veröffentlichte er diesen Stoff in einem solch ernstzunehmenden Licht?
Nach einer Dreiviertelstunde saßen wir schon in einem Taxi richtung Bahnhof, als es fürchterlich anfing zu regnen. Es regnete so stark, dass der Taxifahrer Mühe hatte mit mehr als zwanzig Stundenkilometern vorwärts zu kommen. Die Welt um den Wagen herum schien in den Fluten zu versinken. Keine Armlänge Sicht.
Der Weg vom Taxi in den Bahnhof war abenteuerlich. Schatt und ich kämpften uns die dreißig Meter über den Platz und der Regen machte es fast unmöglich die Richtung zu halten, da man nicht mal das Licht der Leuchtschrift auf dem Dach sah. Der Regen durchnässte die Kleider und machte sie schwer. Ich blickte mich um, um nach dem Taxi zu sehen, aber es war verschwunden. Als wäre es nie da gewesen. Und das mitten in der Stadt.
Schatt schrie mich an: „So etwas gibt es doch gar nicht! Welche Richtung müssen wir?“
„Da vorne!“ Ich deutete auf ein Klappschild, welches plötzlich vor uns auftauchte - wie aus dem Nichts.
Drei Schritte später wurde es hell und wir standen vor dem Haupteingang des Bahnhofs.
Um uns herum standen unzählige Leute die hier Zuflucht fanden und starrten uns ungläubig an. Meine Kleider waren so nass, dass sie sich in Strömen entlasteten.
Schatt machte eine Miene, als wäre er knapp dem Ertrinken entkommen.

Wir hatten Glück und erwischten gerade noch einen Zug nach München. Ein Abteil schien auf uns gewartet zu haben. Wir hängten unsere Kleider zum Trocknen an die Kofferablagen und machten es uns bequem. Der Zug brauchte nicht lange und ich beschloss die kurze Nacht zum Schlafen zu verwenden.
Am viel zu frühen Morgen standen wir bereits auf einem neuen Gleis und warteten auf den nächsten Zug, der uns nach Leutersberg in den Nibelgau bringen sollte. Der Regen schien uns zu verfolgen. Obwohl wir weit gefahren waren, regnete es noch immer. Zwar war der Regen hier bei weitem nicht von ähnlicher Art wie der in Salzburg, jedoch hatte ich den Eindruck das er wieder stärker würde. Es blitzte und ein Gewitter zog hinzu.
Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang weckte mich etwas. Es kitzelte mich furchtbar an der Nase und als ich die Augen öffnete, sah ich einen weißleuchtenden Punkt vor meinem Gesicht kreisen, so schnell, dass ich ihm kaum mit meinen verschlafenen Augen folgen konnte.
Ich rieb an meiner Nase und schaute zu, wie er unter der Tür verschwand und wenige Augenblicke später rumpelte es gewaltig am Ende des Wagons und wir wurden langsamer.
Ich weckte Schatt.
„Schatt, wach auf! Hier geht irgendwas vor sich.“
Mühsam richtete er sich auf.
„Was ist denn passiert? Ich bin …“
Plötzlich quietschte und rumpelte es vor uns gewaltig. Metall schrie auf und Bäume brachen.
„Mensch der Zug! Valentin, da ist was passiert!“
Wir rollten immer langsamer werdend und kamen unerwartet ruckartig zum Stehen. Ich hörte laut Menschen schreien.
„Los, raus hier!“
In Windeseile hatten wir unser Zeug gepackt und sprangen aus dem Wagen. Da war der Zug entgleist und mit voller Geschwindigkeit in den Wald gefahren. Überall liefen Leute umher.
Schatt sah mich fragend an.
„Wie kommt es, dass unser Abteil vom restlichen Zug getrennt war? Das verstehe ich nicht.
Was für ein unglaubliches Glück im Unglück!“
Ich schaute Schatt verwundert an und sagte: „Das war kein Glück, dass war eine… Egal vergiss es.“
„Eine was?“
„Das war ein Anschlag und er galt uns. Ich erkläre es dir später. Lass uns hier verschwinden bevor die Polizei auftaucht. Wer weiß, was die inzwischen wissen oder denken.“

Wir schlugen uns rechts ins Unterholz und liefen querfeldein bis wir an einen Weg kamen.
„Da sieh! Leutersbach 18 Kilometer. Und das ohne Frühstück … super!“
Es regnete immer noch. Alle dreißig Sekunden erhellte ein Blitz unseren Weg, begleitet vom Donnergrollen. Mir gingen die Bilder des Zugunglücks durch den Kopf. Der Morgen brach langsam an und der Nibelgau machte seinem Namen alle Ehre. Dicke Nebelschwaden durchzogen das Land.
Um acht Uhr früh standen wir durchnässt und mit schmerzende Beinen vor einem Gasthaus. Es war verschlossen, aber aus der Küche hörte man schon geschäftiges Treiben.
Schatt klopfte an die Scheibe. Das Fenster öffnete sich und eine Frau mittleren Alters schaute fragend heraus.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Ja“, sagte ich, „wir bräuchten zwei Zimmer um uns ein wenig auszuruhen. Wir haben uns auf einer Wanderung verlaufen und einen ordentlichen Appetit.“
„Einen Moment bitte. Kommen Sie doch vorne an die Tür.“
Wenige Momente später saßen wir an einem reichlich gedeckten Tisch und ließen es uns schmecken.
„Also nach all dem was uns in den letzten Tagen passiert ist, sollten wir uns vorsehen, was wir als Nächstes unternehmen. Es ist ja lebensgefährlich sich mit uns abzugeben.“
Ich pulte nachdenklich in meinem Ei.
„Wir müssen so schnell wie möglich Andwari finden. Wenn der alte König hier begraben liegt, so wird er uns mit Sicherheit helfen.“
Schatt grinste.
„Da bin ich aber gespannt wie wir jemanden finden und dann noch mit ihm reden, der seit vielleicht schon dreitausend Jahren nicht mehr lebt.“
„Vielleicht musst du das anders sehen“, sagte ich, „warten wir es ab.“

Nach dem Essen ruhten wir uns bis Mittag aus und machten uns dann auf den Weg nach Leutersberg. Vom Nebel und auch vom Regen war weit und breit keine Spur mehr zu sehen und die Mittagssonne ließ die noch feuchten Wiesen flimmern. Es war schwül, trotz eines leichten Windes, der von Westen her kam.
In Leutersberg angekommen, richteten wir uns in einer kleinen Pension am Ortsrand ein und setzten uns zur Planung der Vorbereitungen hinter das Haus.
Es war ein angenehmer Abend. Die feuchtwarme Luft war längst verzogen und die Temperatur war angenehm. Auf der Wiese vor uns grasten circa ein Dutzend Kühe und weit über ihnen kreiste ein Milan am Himmel auf der Suche nach Beute.


„Wie war das jetzt mit dem Zug?“, fragte mich Schatt.
„Nun, ich wurde wach, als mich etwas an der Nase kitzelte. Als ich die Augen öffnete, sah ich ein kleines, sehr helles und flinkes Licht umherfliegen. Als es sicher war, dass ich es bemerkt habe und wach, verschwand es unter der Tür und flog wohl zum Ende des Wagons, um ihn vom Rest des Zuges abzukoppeln. Es muss von dem Anschlag gewusst haben.“
Schatt schaute mich verwirrt an.
„Ein Licht? Etwa eine Glühbirne mit Flügeln?“
„Nein, keine Glühbirne! Eine Fee.“
„Eine Fee! Ja, natürlich … Eine Fee. Wie konnte ich so dumm sein …“
„Was denkst du woher ein Sturm in einem geschlossenen Raum kommt, oder hast du jemals einen Regen erlebt, der vergleichbar mit dem letzte Nacht gewesen wäre?“
„Was hat denn das jetzt miteinander zu tun?“
„Nichts! Zumindest nicht direkt. Es ist halt nur so, dass hier andere Dinge am Werk sind, die nicht alltäglich vorkommen.“
„Wie dem auch sei“, sagte Schatt, „wir sollten uns ein Auto organisieren, um besser herum zu kommen. Oder was denkst du wie wir vorgehen sollten?“
„Genau so. Wir müssen auch unbedingt ein Gemeindearchiv finden. Alte Karten und geschichtliches über die Gegend. Als erstes sollten wir die Weltenesche finden.“
„Die Weltenesche. Selbstverständlich.“
Schatt grinste und ich musste laut lachen.
„Ja, vom Schicksal mal ganz abgesehen!“

Der Milan zog nun seine Bahnen etwas tiefer am Rande der Bäume des angrenzenden Wäldchens. Plötzlich stießen drei Rabenkrähen aus dem Geäst und wollten den Milan angreifen, als der im letzten Moment einen Haken schlug und sich fallen ließ. Auf der nächsten Böe eines Aufwindes fing er sich und schoss mit atemberaubender Geschwindigkeit davon.
„Wenn wir dann die Weltenesche entdeckt haben, so folgen wir Andwarafors bis zu jenem Wasserfall aus der Sage. Dann hängt alles Weitere von der Mithilfe Andwaris ab.“
Schatt gähnte.
„Dann werde ich mich erst mal aufs Ohr legen.“

Ich blieb noch sitzen. An Schlaf war noch gar nicht zu denken, mitten im Reich der Nibelungen. Hier zogen einst Götter, Riesen und Zwerge durch das Land. War es so, dass die Menschen, Götter oder wie auch immer, hier einst lebten und dieses Gebiet schon für nördlich hielten? Oder besser gesagt, halten wir heute das hier für den Süden? Einst reichten Gletscher bis hierher. Eiskalte Zungen des Nordens. Im Land der Toten, des Nebels und nördlichen Geheimnisse. Wo das Schicksal der Menschheit gewoben wird und Nidhoegg der Drache an den Wurzeln der Weltenesche nagt. Das Land unserer Vorväter und Ahnen. Wo alles begann Kultur und Glauben, Anfang und Ende. Hier ist die Heimat des Nibelungenschatzes und ich werde ihn wieder zu Tage bringen!
Um vier Uhr früh wachte ich in meinem zum Schlafen ungeeigneten Stuhl auf und ging zu Bett.


„Haben Sie alles, was Sie brauchen?“, fragte die nette Dame nachdem sie uns das Frühstück brachte.
„Oh ja“, sagte Schatt laut schmatzend, „alles bestens … Danke.“
Ich nickte zufrieden.
„Dann bin ich mal gespannt, was dieser Tag für uns bereit hält. Ich freue mich schon auf die Geister! – Kann’s gar nicht erwarten zu erfahren, ob es bei denen auch so guten Kuchen gibt.“
Ich verschluckte mich an einem Streusel, so dass mir das Wasser in die Augen schoss.
„Ja! … Da bin ich auch gespannt…“, hustete ich grinsend, „wir können ja ein paar Stück mitbringen.“
„Gute Idee! Aber wo fangen wir an? Im Archiv?“
„Genau da. Am Besten wir … brauchen noch ein Auto! Ah … Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo wir ein Auto mieten können?“, fragte ich die Wirtin.
„Für wie lange denn?“
„Oh, für erst mal ein paar Tage.“
„Dann ist das kein Problem, wenn Ihnen ein fünfundzwanzig Jahre alter Volvo genügt? Er ist aber gut in Schuss, trotz seines Alters … sehr zuverlässig“
„Ganz nach meinem Geschmack. Den nehmen wir!“

Schon eine dreiviertel Stunde später saßen wir im Volvo auf dem Weg nach Leutkirch ins Stadtarchiv. Das Wetter war zum Urlaub machen, aber irgendwie sah das hier nicht nach Urlaub aus. Wir parkten in einer öffentlichen Garage und liefen von dort zu Fuß.
Es stellte sich heraus, dass es mal wieder Mittag wurde und wir waren gezwungen uns zwei Stunden anderwärtig die Zeit zu vertreiben, was uns in die nächstgelegene Schänke führte, in der ein paar Rentner die Theke schmückten und laut lachten. Wir nahmen an einem Tisch platz.

Das Gelächter von der Theke steigerte sich in Höchstform.
„Wenn ich’s Euch doch sage! Der war ungefähr acht Meter lang.“
Ein Mann ende Fünfzig mit bäuerlicher Arbeitskleidung und runden leicht roten Backen schien der Verzweiflung nah. Ein anderer klopfte ihm auf die Schulter.
„Mach dir nichts draus! Trink noch ein Bier auf deinen Drachen!
Alles lachte. Schatt, der das Gespräch ebenfalls verfolgte, bekam den Mund nicht zu.
„Hast Du das gehört?“
Ich sagte nichts.
„Ein Drache – klar, was denn sonst auch! Eins und eins sind zwei. Dann läuft ja alles nach Plan!“
Ich stand auf und ging hinüber zur Theke, beugte mich zu dem Bauern mit den runden Backen und lud in auf ein Bier an unseren Tisch ein. Ihm schien alles Egal.
„Ein Bier ist mehr wert als dieses dämliche Gelächter“
„Wie war das noch gleich ... sie haben einen Drachen gesehen? Äh, gibt’s die denn?“
Schatt traf anscheinend den passenden Ton.
„Ja!“
Hickste er vor sich her.
„Neun Meter lang! Ich hab mir fast in die Hosen geschissen ... das Drecksvieh. Ich hab meine Kippe nicht in den Heuwagen geschmissen! Ich, ich war mit’m Tracktor draußen auf’m Feld als das Drecksvieh auf der Nachbarwiesen ein Schaf aus’m Sturzflug in der Luft verschlang! Da hab ich gehupt! Richtig draufgehalten! Da lässt der das Schaf fallen und hält auf mich zu!
Vom Tresen her schallt es laut.
„Zu! Ja, zu bischt“
„Als der dann über’m Tracktor war, tat’s nen Schlag gegen’s Dach, dann hat’s Stroh gebrannt!“
Schatt sah ihn mitleidig an.
„Sahen Sie denn woher er kam oder wohin er wollte?“
„Nix.“
Entgegnete der Alte.
„Das Stroh hat gebrannt, dann war er weg“
„Kommen Sie, ich bestelle ihnen noch ein Bier. Vergessen sie die Sache einfach.“ Sagte ich zu ihm, während ich dem Wirt zu verstehen gab, er solle noch eins machen. Ich legte etwas Geld auf den Tisch.
„Einen schönen Tag noch“ Sagte ich, während ich Schatt ein Zeichen zum Aufbrechen gab.
„Sie haben ja gar nichts getrunken!“
Rief der Wirt.
„Haben sie keinen Hunger?“
„Wir haben keine Zeit.“ Sagte ich und schon standen wir auf der Straße.

Kurze Zeit später im Archiv mussten sich die Papiere gedulden, denn die Geschichte des alten Bauern mussten wir erst mal verdauen.

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