Freitag, 4. November 2011

Der Chinese im Schrank

> Gesucht wird ein sehr kleiner Chinese im Alter von einhundert Jahren, der unumgänglich das  einhundertsechzigste Lebensjahr erlangen muss. Sie sollten die Kunst des japanischen Sushizubereitens perfekt beherrschen, nach Belieben erweitern können und zudem anspruchsvolle Manuskripte im Sinne des Verfassers korrigieren und lektorieren können. Desweiteren sollten Sie einen spirituellen Meistertitel tragen, jedoch dickköpfig und stur sein. In Ihrer Ausübung als Koch und Lektor sollten Sie weitere Arbeiten nicht scheuen und vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung stehen – sieben Tage in der Woche. Für Unterkunft ist gesorgt, die Bezahlung ist ausreichend. Bitte kontaktieren Sie Miss Belleview, „House Service London“. Phone ... <


Leseprobe

Gerade wurde das Papier ein paar Regentropfen zu schwer, um vom Wind noch weitergetragen zu werden. Es war bereits beachtliche sechs Häuserblöcke weit gekommen - an diesem verregneten Tag, hier in der kleinen Stadt weit im Westen der Provinz Zhejiang der Volksrepublik China. Das Fahrzeug kam gerade zum Stehen, als die Seite der Londoner Times von einer Böe sauber auf das Fenster der linken Hintertür geklebt wurde, so dass die Rubrik über alle Maßen deutlich zu lesen war – abgesehen davon, dass in diesem Ort kaum jemand die englische Sprache beherrschte und wegen des anhaltend schlechten Wetters  sowieso niemand auf die Anzeige achtete.

Phuong Anh kam vom Hafen. In einem Eimer hatte sie frischen Fisch, den sie ihrem Großonkel täglich von einem befreundeten Fischer brachte. Es war ein beschwerlicher Weg durch den dichten Regen, der allerhand Unrat und Schlamm durch die Straßen schwemmte. Ihre Kleider waren durchnässt, und alle zehn Minuten hielt sie an, um das Regenwasser, welches sich in dem ohnehin schon schweren Eimer sammelte, auszugießen. Gerade hatte sie den Eimer erleichtert, als ihr Blick auf eine Zeitungsseite fiel, die an der Scheibe eines Autos klebte. Phuong Anh freute sich – eine englische Zeitung! Seit drei Jahren besuchte sie eine Schule im Norden der Stadt, in der sie unter anderem die englische Sprache erlernte. Ihres Wissens nach gab es weit und breit keine ausländischen Zeitungen zu kaufen. Sie stellte den Eimer neben sich und ihr Blick verharrte auf den Zeilen einer Anzeige, die sie sorgfältig lass. Phuong Anh überlegte eine ganze Weile, schaute hinunter auf den mit Fisch gefüllten Eimer, löste die Zeitung von der Scheibe und rannte schnellen Schrittes bis zum Haus ihres Großvaters.
Dort angekommen, zog sie ihre Schuhe aus, stellte sie sorgfältig rechts neben den Eingang, öffnete die Tür und betrat leichtfüßig den hölzernen Boden. Ihr Großvater saß an einem niedrigen Tisch in einer Ecke des Raumes und stopfte ein paar Kräuter in eine Meerschaumpfeife. Als er das Mädchen erblickte, lächelte er und winkte sie mit einer raschen Handbewegung zu sich.

   Los  Anh – zeig mir was du uns Schönes mitgebracht hast. Sind es auch gute Fische?
  Ja Großväterchen. Sie glänzen wie das Meer am frühen Morgen und sind groß und kräftig   gewachsen.
Phuong Anh zeigte ihrem Großvater die prächtigen Fische, und als der sie für gut befand, brachte Anh sie hinter das Haus und stellte den Eimer dort auf einen Tisch. Dann nahm sie ein Tuch von einem Haken, tauchte es in eine Schüssel mit Wasser und legte das Tuch über den Eimer, um ihn zuletzt mit einem Brett abzudecken. Jetzt erst griff sie unter ihr Hemd und holte die Seite der Zeitung hervor. Sie musste Acht geben, dass das nasse Papier nicht zerriss. Mit der Anzeige in den Händen ging sie zurück zu ihrem Großvater und legte die Zeitung vorsichtig auf den Tisch.
Der alte Mann beugte sich vor, und seine alten aber scharfen Augen erkannten gleich, worum sich die Mühen Phuong Anh's drehten. Er lass ruhig und konzentriert, was da vor ihm auf dem nassen Papier stand.


*


Phillip Vanderau saß in seinem Arbeitszimmer. Er drehte auf seinem Stuhl leicht von links nach rechts, und das dicke Leder des Bezugs, auf dem er so viele Stunden verbrachte, knirschte  unter der Last des Denkers. Er war unruhig.

Vor den hohen Rundbogenfenstern des herrschaftlichen Raumes flogen vom Wind getriebene Kastanienblüten durch die Luft und schienen ein Unwetter anzukündigen. Vanderau lehnte sich zurück und nahm noch einen Zug aus der Pfeife, während sein Blick in die Ferne des Parks schweifte.
Vor ihm auf dem Schreibtisch lag eine ältere Ausgabe der Times.

Das Telefon klingelte. Vanderau rührte sich nicht.

Nach dem sechsten Klingelton verstummte das Geläut. Vanderau nahm die aufgeschlagene Zeitung und las zum wiederholten Male in einer der Anzeigen. Seit Tagen ging er nicht ans Telefon, und mit jedem Tag, der verging, wurde er unruhiger. Er konnte sich beim besten Willen nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Das täglich mehrmalige Klingeln des Telefons raubte ihm Ruhe und Konzentration. Ruhe und Konzentration, ohne die er keinen klaren Gedanken fassen, keine Zeile zu Papier bringen, keinen Entwurf in die Luft bannen und keine Recherche klar auswerten konnte.
Die Wolken am Himmel verdunkelten sich und kurz darauf hallten ferne Donner durch die langen Flure des alten Schlosses.

Am frühen Abend peitschte ein ruheloser Regen über das Land und die Bäume neigten sich gepeinigt in alle Himmelsrichtungen. Vanderau saß im Esszimmer und stocherte mit seiner Gabel in Möhren und Kohl, die träge und zerkocht auf seinem Teller lagen. So saß er da bereits seit einer geschlagenen Stunde, seit Miss Stanson, seine Haushälterin, das Haus verlassen hatte. Vanderau schob endlich den Teller von sich weg und holte aus der Tasche seiner Tweedjacke seine Pfeife hervor. Er nahm einen langen Zug, lehnte sich zurück und starrte auf das schlappe Gemüse.

Er konnte es nicht mehr sehen.

Zerkochtes Gemüse. Zähes Fleisch, von dem er Zahnschmerzen bekam. Schwer verdaulicher Unrat. Er goß sich ein weiteres Glas Rotwein ein, nahm einen genüsslichen Schluck und beschloss sich eine Zigarette zu drehen. Er klopfte die Pfeife aus, steckte sie zurück in seine Tasche, nahm sein Weinglas und verließ das Esszimmer. Kurze Zeit später stand er am offenen Terrassenfenster in seinem Arbeitszimmer. Draußen blitzte und donnerte es, der Regen schlug ihm leicht entgegen und benetzte das Papier seiner Zigarette. Er schaute auf das stumme Telefon und überlegte.
Da hörte er die Türglocke läuten.
Er ging zum Schreibtisch, stellte sein Glas ab, drückte die Zigarette in einem Aschenbecher aus und ging hinaus in den Flur, der nur vom Leuchten der Blitze ab und zu erhellt wurde.
Als er die Empfangshalle erreichte, gab es draußen einen heftigen Schlag. Die alten Rüstungen, die die Wände der Halle zierten, klapperten kurz und warfen im Licht des Blitzes gespenstische Schatten. Vanderau ging zur Tür und öffnete sie.
Regen peitschte ihm entgegen, und im ersten Moment dachte er, er hätte sich das Läuten nur eingebildet, da er niemanden sehen konnte. Da bemerkte der hochgewachsene Vanderau auf niedriger Höhe eine flatternde Zeitung, die ihm wie von Geisterhand gespenstisch vorgehalten wurde. In der Mitte der Seite stach eine Anzeige besonders hervor, auf der zu lesen stand:

> Gesucht wird ein sehr kleiner Chinese im Alter von einhundert Jahren, der unumgänglich das    einhundertsechzigste Lebensjahr erlangen muss. Sie sollten die Kunst des japanischen Sushizubereitens perfekt beherrschen, nach Belieben erweitern können und zudem anspruchsvolle Manuskripte im Sinne des Verfassers korrigieren und lektorieren können. Desweiteren sollten Sie einen spirituellen Meistertitel tragen, jedoch dickköpfig und stur sein. In Ihrer Ausübung als Koch und Lektor sollten Sie weitere Arbeiten nicht scheuen und vierundzwanzig Stunden am Tag zur Verfügung stehen – sieben Tage in der Woche. Für Unterkunft ist gesorgt, die Bezahlung ist ausreichend. Bitte kontaktieren Sie Miss Belleview, „House Service London“. Phone ... <

   Lian Lóng. Mr. Vanderau?

Die Zeitung senkte sich und hinter ihr kam ein sehr kleiner Mann zum Vorschein, dessen Gesicht im  Zwielicht durch  den Schatten eines übergroßen Strohhutes verdeckt wurde.
   Ja, der bin ich. Kommen Sie doch rein Mr. Lóng. Ich habe bereits schon nicht mehr an Sie geglaubt.
Der kleine Mann verneigte sich noch im Hauseingang stehend, wobei sich Vanderau nur der kreisrunde Strohhut zeigte, und trat in die Halle. Dann schaute Lian zu Vanderau hoch und prüfte ihn kurz mit einem flüchtigen, aber nicht zu unterschätzenden Blick.
    Ich hoffe, ich komme gelegen. Miss Belleview hat seit Tagen versucht, sie zu erreichen, jedoch vergebens. Sie sagte, ich solle am besten persönlich hier vorbeikommen. Mr. Vanderau.

   Was ein sehr gescheiter Vorschlag von Miss Belleview war – ansonsten wären wir uns wohl nicht begegnet. Ich gehe äußerst ungern an's Telefon und ebenso ungern verlasse ich Blackwood Castle. Wo kommen Sie her? Entschuldigen Sie – gehen wir erst einmal in die Bibliothek. Dort können wir uns setzen und uns in aller Ruhe unterhalten.
Der alte Mann nahm seinen Strohhut ab, stimmte Vanderau mit einer leichten Verbeugung zu und folgte ihm tropfend durch zwei Flure in einen Raum, dessen Höhe, unterteilt von mehrstöckigen Galerien, kaum auszumachen war. Wo er hinsah: hohe, massive, mit Säulen verzierte Holzregale -  gefüllt mit Büchern. Lian trat in die Mitte der Bibliothek und zählte fünf Galerien über sich. In der Mitte des einer Kathedrahle gleichenden Raumes, in schwindelnder Höhe, flackerte das Leuchten der Blitze durch eine gläserne Kuppel.

   Setzen Sie sich doch bitte, Mr. Lóng.
   Danke sehr!
Lian nahm auf einem Sofa platz.
   Ich komme direkt aus der Provinz Zhejiang, südlich von Shanghai - danach haben Sie doch eben gefragt.
   Das müssen Sie mir später einmal auf dem Globus zeigen., entgegnete Vanderau.
   Wie kamen Sie zum Sushi?
Lian bemerkte einen beiläufigen Tonfall in der Frage Vanderaus, der nicht wirklich beiläufigen Ursprungs war.
   Meine Eltern flohen im Jahre 1900 aus Peking. Die Faustkämpfer der, wie sie es nannten, gerechten Harmonie, machten es meinen Eltern als konvertierten Christen unmöglich zu bleiben. In Japan fanden sie Arbeit und Unterkunft bei einem britischen Händler, der dort einen guten Stand hatte. Acht Jahre später erblickte ich das Licht der Sonne und erlernte mein Handwerk von einem alten Meister dieser Kunst.
   Und erlernten auch die britische Sprache, wie ich annehme., sagte Vanderau.
   Wie sie vermuten, Mr. Vanderau.

Vanderau war beeindruckt.

    Erzählen Sie mehr.
   Gern, Mr. Vanderau. Bis zu meinem 21sten Lebensjahr lebte ich mit meinen Eltern im Exil, bis mich eines Tages die Sehnsucht ergriff, die Welt kennenzulernen. Ich hatte etwas Geld, und der Händler bezahlte mir bereitwillig und mit Freuden eine Reise an den Ort meiner Wahl. Da ich derzeit nicht zurück nach China konnte, beschloss ich, nach Tibet zu reisen und dort die Lehren Buddhas zu studieren. Sechzig Jahre verbrachte ich in verschiedenen Klöstern, erlernte alles, was sich mir bot, und reiste dann im Jahr 1989 im Gewand eines einfachen Bauern zurück nach China, um meine Familie, die mittlerweile wieder seit dreißig Jahren in Zhejiang lebte, zu besuchen. Dort blieb ich bis vor vier Tagen.
Vanderau stand unvermittelt auf.
   Heute sind Sie mein Gast. Was möchten Sie trinken? Wir haben eigenen Tee – was hier so wächst.
    Sehr freundlich – gerne., sagte Lian mit einem herzlichen Lächeln.
Vanderau verschwand zwischen den großen Flügeltüren und tauchte sogleich wieder auf.
   Schauen Sie sich um – fühlen sie sich wie zu Hause., sagte er und verschwand ein zweites Mal.
Während Vanderau die Küche auf den Kopf stellte, spähte Lian mit erhobenem Kopf in die Höhe der Bibliothek und staunte, von leichtem Schwindel ergriffen.

Der Grundriss der Bibliothek war nicht sehr groß, etwa acht Meter im Duchmesser. An vier Seiten der achteckigen Fläche standen im Erdgeschoss große Regale aus kunstvoll gefertigtem Eichenholz. Die übrigen vier Flächen verbargen Treppen, die gewendelt hinauf in die oberen Etagen führten. Die Architektur des Raumes setzte sich über jede Etage hinweg bis unter das Dach fort und erfüllte den Raum, oder Turm, mit einer Atmosphäre, die einem Liebhaber klassisch-gotischer Stilistik das Gemüt erwärmte.
Als Lian einen ersten Gesamteindruck in sich aufgenommen hatte, betrat er einen der Treppenaufgänge, die im gedämpften Licht nach oben fürten.
Die vollgewendelte Treppe glich jenen, die durch enge Türme führen. Das Holz knarrte unter seinen Sohlen und sein Blick, forschend vorraus, ertastete den Aufstieg. Im ersten Geschoss entstieg er dem Treppenturm wie aus einer dunklen Höhle. Vor ihm lag die erste Galerie. Achteckig, beinahe rund wirkend, zu den Wänden hin hohe Regale, gefüllt mit Büchern. Dunkles Holz, Säulen, und in jeder zweiten Fläche verbargen sich, wie ein Schlund in die Regale eingearbeitet, weitere Treppen. Jeweils gegenüberliegend, zwei Treppen die nach unten und zwei die nach oben führten. Das Flackern der Blitze warnte ihn nicht vor einem ungeheuren Donnerknall, der bebend durch das Gemäuer wiederhallte.
Lian umrundete die Galerie. Hier und da las er auf den Buchrücken ihm unbekannte Titel. Forschend lehnte er sich über das Geländer zur Mitte der Galerie hin, um die Wirkung der Bibliothek in sich aufzunehmen. Es roch nach altem Papier, Holz, und ein wenig roch es auch nach Rauch.

Er bestieg die Treppe zur zweiten Etage.

Ein unbeschreibliches Gefühl ereilte ihn, als er die knarrenden Stufen bestieg. Das Licht schien in dieser Etage schwächer zu werden. Er umrundete mit vorsichtigen Schritten die Galerie.
Auch hier dieselbe Architektur: Bücher, Säulen und vier Treppen, die nach unten oder nach oben führten. Die Galerie umrundend, fiel es ihm schwer, sich zu merken, welche Treppen nach oben und welche nach unten führten, da kein Licht in ihre Zugänge fiel. Die dritte Etage glich den ersten beiden bis auf die Tatsache, dass das Licht noch gedämpfter wirkte. Lian weitete seine Augen und ging hinauf in die vierte Etage. Leichter Schwindel ergriff ihn, als er über das Geländer nach unten schaute.
Auf dem Weg zum nächsten Treppenaufgang hatte er das Gefühl, eine Diele würde unter seinen Füßen nachgeben, als ihm plötzlich und ruckartig der Boden unter den Füßen davonglitt. Ein  Beben ergriff ihn, und er konnte sich gerade noch an dem Geländer festhalten, um nicht zu Boden zu fallen. Ihm wurde schwindelig.

Einen Augenblick später war der  Spuk vorbei.

Lian versuchte, Orientierung zu erlangen. Er schaute nach unten, konnte jedoch keine Veränderung feststellen.
Langsam und vorsichtig umrundete er die Galerie der unheimlichen vierten Etage und stellte mit unbehaglicher Verwunderung, ja mit Bestürzung, fest, dass die Treppenaufgänge, die er heraufgekommen war, verschwunden waren. Keine Treppen nach unten und auch keine in die letzte fünfte Etage nach oben. Stattdessen führten die dunklen Duchlässe in den Regalen jetzt in einen weiteren Rundgang, der parallel zur Galerie verlief. Er betrat neugierig den aus dem Nichts aufgetauchten Gang. Das Licht der Wandleuchter war hier kaum noch wahrzunehmen. Es reichte gerade aus, um die Umrisse um ihn herum zu erkennen.

Da! Wieder das Geräusch von vorhin – ein leichtes Beben, aber der Boden unter seinen Füßen blieb dort, wo er war. Lians Puls stieg an. Er holte tief Luft und verlangsamte seinen Puls wieder. Der Zugang war nun versperrt. Keine Tür, keine Bibliotheksgalerie. Lian zweifelte, was sonst nicht seine Art war. Er schlug sich den Gedanken aus dem Kopf, der in Form eines unberechenbar wahnsinnigen Phillip Vanderaus seine Zweifel hervorgebracht hatte, und erforschte den Rundgang. Als er feststellte, dass dieser Gang allem Anschein nach weder einen Ein- noch einen Ausgang besaß, vernahm er ein drittes Mal das bebende Geräusch.
Lian schloss die Augen.


*


   Lian? Sind Sie hier oben? Der Tee ist fertig.

Fünf Minuten später saßen Vanderau und Lian im Erdgeschoss der Galerie und tranken Brombeertee. Nachdem Vanderau im vierten Stock in die äußere Galerie getreten war,  Lian mit verschlossenen Augen angetroffen und ihn höflich gebeten hatte, seinen Tee einzunehmen, sprachen sie beim Abstieg in's Erdgeschoss nicht miteinander. Lian hatte freundlich gelächelt und sich darauf gefreut, das sichere Parterre zu betreten. Er trank schweigend seinen Tee und verschob das Geheimniss der Galerien auf ein anders Mal.

 
Vanderau brach das Schweigen.
   Sie sagten, Ihre Eltern seien konvertierte Christen gewesen. Wie kommt das zustande?
Lian stellte seine Tasse auf den Tisch.
   Als die Europäer vor circa einhundert Jahren nach China kamen, war der westliche Fortschritt für viele einfache Menschen in der Republik reizvoll und vielversprechend. Die Ärmeren im Volk, die in unmittelbarer Nähe zu den Kolonialisten lebten, fanden Gefallen an dem fremden Leben, welches sie täglich beobachteten. Die bedingungslose Hingabe an die  kaiserliche Dynastie auf der einen Seite - die Freiheit, Abenteuerlust, sowie der Reichtum der fremden Händler auf der anderen.

Mit den Händlern kamen auch die westlichen Priester. Sie erzählten von ihrem Herrn, der jedem ein neues Leben ermögliche, wenn er es nur wolle und sich zum christlichen Glauben bekenne. Auch meine Eltern konvertierten. Für viele war das der sichere Tot.

Vanderau goß Lian eine weitere Tasse heißen Tees nach.

   ...Im kaisertreuen Volk bildete sich unbemerkt Wiederstand. Die >Faustkämpfer der gerechten Harmonie<, die die Briten die >Boxer< nannten, sorgten sich um das Heil Chinas. Sie glaubten, dass die Fremden die alten Götter erzürnten und Tot und Unheil über die Republik bringen würden. Ohne Absprache mit dem Kaiserhaus organisierten sich die Boxer, und es dauerte nicht lange,  bis die ersten christlichen Chinesen starben. Die selbsternannte >Strafe der Götter< kam über sie und das Ende des alten Glaubens wurde eingeläutet. Trotz des Wiederstandes schlich sich die Macht des >einen Gottes< in die Republik und unterwanderte nach und nach, was über Jahrtausende gewachsen war.
Das war der Anfang einer neuen Zeit.
Auch für meine Familie.

Meine Eltern hatten Glück, dass sie das Land rechtzeitig verlassen konnten, bevor der große Aufstand entflammte. Jedoch konnten sie sich in der neuen Heimat, in Japan, auch nicht ohne Probleme frei bewegen: sie  waren Gefangene politischer Auseinandersetzungen geworden. Im Hause des Händlers waren sie  allerdings frei , und konnten bis zu ihrer Rückkehr nach China im hohen Alter ein gutes Leben führen. Nach meiner Abreise nach Tibet habe ich sie allerdings nicht mehr gesehen.Sie starben Ende der siebziger Jahre. -Verzeihen Sie, Mr. Vanderau, aber der Tee ist ausgezeichnet.


Vanderau erhob den Kopf, brauchte einen Moment.
   Oh – selbstverständlich! Kommen Sie bitte mit! Sofern Sie hier bleiben wollen, zeige ich Ihnen Ihr Reich. Dort finden Sie auch eine Toilette.
Vanderau erhob sich und ging voran. Lian folgte ihm zunächst zurück in die Empfangshalle. Von dort bogen sie in einen schmäleren Gang ab, vorbei an zwei gegenüberliegenden Türen, bis zum Ende des Ganges. Dort blieb Vanderau stehen und überlegte. Lian wartete.

Vanderau schien einen kurzen Moment in Gedanken versunken.
   Mr.Vanderau?
   Oh, entschuldigen Sie Lian! Ich habe ... Das Unwetter ist abgeklungen. Hier ist Ihr Reich. Ich habe es ihnen hoffentlich rechtens einrichten lassen.
Vanderau öffnete die Tür und gab Lian ein höfliches Zeichen vorauszugehen.
Lian trat durch die Tür und fand eine sehr niedrige, jedoch weitläufige Wohnung vor sich, wie er sie sich im Leben nicht zu wünschen gewagt hätte. Sie war in altem chinesischen Stil ausgebaut und strahlte eine klare Kühle aus.
   Hier links finden Sie ihre privaten Räume, rechts einen großen Wohnbereich, sowie Arbeitsraum und Küche.
Vanderau schritt gebückt duch den besagten Wohnbereich und wollte gerade etwas sagen. Da bemerkte er, wie sich Lian - noch im Eingang stehend -  die Schuhe auszog und sorgfältig neben die Tür stellte.
   Oh, bitte entschuldigen Sie mein Benehmen Lian!, sagte Vanderau beschämt. Er ging zurück, tat es Lian gleich und nahm einen zweiten Anlauf durch den für ihn viel zu niedrigen Raum.

Hier geht es in den Garten. Es ist Ihr eigener – Sie können sich frei bewegen.
Vanderau schob eine sehr breite Türe auf, die einer chinesischen Papierwand ähnelte, jedoch verglast war. Regen kam mit einer Windböe herein.
   Ich bin sehr erfreut, Mr. Vanderau. Sie haben große Mühen auf sich genommen., sagte Lian -  noch immer vom ersten Eindruck ergriffen.
Ich hoffe ich kann dem gerecht werden.
   Das sind Sie schon Lian – da bin ich ganz sicher. Und auch Sie haben große Mühen auf sich genommen.
Lian lächelte.
   Jetzt lasse ich Sie aber allein. Was sie brauchen, werden Sie hier finden. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht. Wir sehen uns morgen früh.
Lian verneigte sich leicht und Vanderau verschwand auf dem Wege, den Sie zuvor gekommen waren.

Einen Moment später öffnete sich wieder die Tür.

Vanderau nahm seine Schuhe, entschuldigte sich und war in dieser Nacht nicht mehr zu sehen.


*


Lian musste nicht lange überlegen.

Als er die Anzeige las, war es wie ein Fingerzeig der Götter, der ihn dazu veranlasste, Phuong Anh zu bitten, ihm schnellstmöglich zu einem Flugticket nach Europa zu verhelfen.
Die unter der Anzeige angegebene Telefonnummer würde er erst vor Ort benötigen. Kein sehr kleiner Chinese im Alter von einhundert Jahren, der Sushi zubereiten konnte, die englische Sprache beherrschte, jahrzehntelang praktizierte und einen spirituellen Meistertitel trug, würde sich vor ihm dort melden. Das er selbst einhundertundsechzig Jahre alt werden würde, schloss er aus den anderen Bedingungen, die nur er erfüllen konnte.  Lian Lóng – der Greis, der nicht bei Sinnen war - wie Lian sich in diesem Moment selbst nannte. Hier stand er. Er legte sein Bündel zur Seite und schaute sich um.

Abgesehen von der kleinen Anh hielt Lian nichts in der Volksrepublik. Es war das Land seiner Ahnen, aber nicht das Land seiner Seele. Tibet - dort verbrachte er beinahe sein ganzes Leben. In Tibet verurteilte ihn niemand wegen seiner chinesischen Herkunft, dabei kam er genau genommen ja aus Japan. Aber die Partei verurteilte seinen langen Aufenthalt in Tibet und seine Familie, sofern er sie als solche betrachten konnte. Familienangehörige, denen man erst im hohen Alter begegnet und die rein nichts mit einem gemein haben ...
In Tibet erlangte er hohes Ansehen durch Disziplin und Wissbegier. Seinen Titel musste er in China verbergen. Er war ein alter Mann. Das war einfach. Einfach ein alter Mann.
Aber Lian war kein alter Mann – noch nicht. Nicht mit einhundert Jahren. Er fühlte sich jung und klar. Seine Gelenke schienen ein wenig eingerostet, aber beweglich waren sie noch.

Jetzt fiel Lian die Toilette ein.

Erleichtert wandelte Lian durch die Wohnung und inspizierte jede Ecke. Hier flossen die festen Mauern des Schlosses über in in Bambusrähmen gespannte Papierwände, Schilfmatten und Glas. Klare Linien und sanfte Schwünge. In Wandschränken fand er Kleider und Wäsche asiatisch geschnitten, das Arbeitszimmer war in verdeckten Schrankwänden bestückt mit allem, was man eventuell gebrauchen könnte. Im Schlafraum befand sich ein niedriges, weit ausladendes Bett. Die Küche ... es war an alles gedacht.

Lian warf seinen Hut an einen Haken und beschloss, seine mittlerweile von selbst getrocknete Jacke in einen großen Schrank zu hängen. Lian fühlte sich wirklich klein im Schatten des großen Schrankes, der ihm gleich zu Anfang aufgefallen war. Dieser Schrank passte stilistisch so gar nicht in diese Räume – eher in die Räume außerhalb seiner Wohnung im übrigen Schloss.
Der Schrank war eine typisch westeuropäische Antiquität. Dunkel und wuchtig. Lian trat vor seine Türen und öffnete sie in Erwartung, weitere Utensilien zu Gesicht zu bekommen.

Aber der Schrank war leer.


Eine Armlänge über seinem Kopf gab es einen Einlegeboden, darunter, an der Rückwand, eine Leiste mit hölzernen Haken. Sonst nichts. Es roch noch Geschichten. Lian trat in den Schrank, um seine Jacke an einen der hochgelegenen Haken zu hängen. Da erneut ein Schreck! Der Boden gab leicht nach und vor ihm verschwand die Rückwand des Schrankes.
Lian verlangsamte durch  diszipliniertes Einatmen seinen Herzschlag.
Ein dunkler Schlund tat sich vor ihm auf.
   Nein., sagte er sich. Ich gehe schlafen!
Lian war nicht mehr nach Abenteuern zumute. Nicht heute. Nicht nach vier Tagen, wie er sie gerade erlebt hatte. Auf dem Weg von China bis hierher.



*



Am nächsten Morgen zog dichter Nebel über Blackwood Castle und füllte auch Lians japanisch anmutenden Garten mit feinsten Wassertröpfchen. Lian schlief nicht viel. Trotz der Zeitverschiebung war er kurz vor Sonnenaufgang wach und ging sofort hinaus in den Garten, um dort an einem kleinen Karpfenteich zu meditieren.
Der Garten war Lian fast ein wenig zu dekadent geraten, und auch an seine Wohnräume würde er sich erst gewöhnen müssen. Er war das einfache Leben gewohnt, empfand aber - offen zugegeben-  im Wohlstand einen gewissen Reiz.
Aus dem Garten zurückgekehrt wärmte er seine alten Knochen gerade am offenen Feuer in der Küche, als er aus dem Arbeitszimmer ein Knarren vernahm. Er schaute sich um und beobachtete mit Erstaunen, wie sich die Türen des großen Schrankes wie von Geisterhand öffneten.

Lian hielt inne.

Langsam verließ er die Küche und ging durch das Arbeitszimmer auf das alte Möbel zu. Ein schmaler Gewölbegang wurde ihm im Innern des Schrankes gewahr und führte ins Unbekannte.
Lian betrat den Schrank und machte sich vorsichtig daran, das Geheimnis zu erkunden.
Mauern aus alten mächtigen Steinen umgaben ihn. Etwa dreißig Schritte ging es geradeaus, dann bog der Gewölbegang nach rechts ab und führte bis vor eine hölzerne Vertäfelung. Lian wollte sich gerade bemühen, die Vertäfelung näher zu betrachten, da schwang sie zu Seite und gab den Blick in  das Innere eines weiteren Schranks frei.


*


Phillip Vanderau war an diesem Morgen früh auf. Er hatte sich für seine Verhältnisse sehr zeitig schlafengelegt und wollte seinen Gast, der sich hoffentlich für die dringend zu besetzende Stelle entschied, nicht zu lange warten lassen. Nachdem er sich in der Küche mit einem Glas  Orangensaft gestärkt hatte, rief er Miss Stanson an. Sie möge doch heute etwas früher kommen und ein Frühstück für zwei Personen richten.
Im Anschluss ging Vanderau in sein Arbeitszimmer und laß in einer Zeitung, die schon seit Tagen überfällig war. Etwa zehn Minuten später stand er auf der Terasse und rauchte eine Zigarette. Die Morgenluft war kühl und feucht. Vanderau bließ den Rauch der Zigarette in den Nebel hinaus. Da beobachtete er, wie Lian im Garten des Westflügels umherwandelte. Er schien am Karpfenteich soetwas wie Gymnastik zu machen. Vanderau beobachtete Lian eine Weile, ging zurück ins Haus und setzte sich an den Schreibtisch, um weiter in seiner Zeitung zu lesen.


*


Lian betrat vorsichtig, mit leichtem Schritt den zweiten Schrank am Ende des Gangs. Das Holz knarrte.
   Lian – kommen Sie doch herein!
Lian öffnete die Schranktür von innen und fand sich in einem herrschaftlichen großen Raum mit hoher Stuckdecke, umrahmt von endlosen Regalen, gefüllt mit Büchern und Kuriositäten. Inmitten des Raumes stand ein tiefer Schreibtisch, an dem ein offenbar gut gelaunter Denker saß.
Lian schaute unsicher aus dem Schrank und grüßte freundlich.

   Haben Sie gut geschlafen?, fragte Vanderau.
   Danke., entgegenete Lian. Ich hoffe, Sie hatten ebenfalls eine ruhige Nacht.
   Oh, ich kann nicht klagen.
Vanderau stand auf und begrüßte Lian mit einem kräftigen Händedruck.
   Kommen Sie aus dem Schrank und schließen Sie die Türen. Sie finden sich ja, wie es scheint, hervorragend in meinem Haus zurecht.
Lian lächelte amüsiert.
   Das kann man so oder auch anders sehen, Mr. Vanderau. Das Haus ist - wie soll ich es beschreiben - etwas eigenwillig.
   Das täuscht, mein Lieber. Das täuscht. Wollen wir uns in die Küche begeben? Mal sehen, was Sie zu einem britischen Frühstück ala Blackwood Castle sagen.
   Sehr gerne, Mr. Vanderau. Ich bin wirklich sehr gespannt.


   Nein! So etwas! Aus China ... na-dann - Herzlich Willkommen in Großbritanien!
Miss Stanson schüttelte kräftig die Hand des kleinen Chinesen und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd, dem die Mandeln abhanden gekommen waren. >Was wird das nun wieder<, dachte sie. Niemanden lässt er ins Haus, meidet jede Öffentlichkeit. Und jetzt ein Chinese? Der ist ja schon mindestens hundert Jahre alt!
Lian sah freundlich zu Miss Stanson hinauf.
   Lian wird ihnen auch etwas Arbeit abnehmen. Er wird einen Großteil der Mahlzeiten zubereiten und auch sonst ein paar Kleinigkeiten erledigen.
Lian lächelte weiterhin und hoffte inständig, die Situation möge bald vorüber sein.

Das Frühstück war abenteuerlich.
Lian fand vor sich auf dem Teller vier gebratene kleine Würstchen, daneben zerkochten Rosenkohl, den er nicht kannte, und zwei leicht verbrannte Toasts mit einer sehr süßen und einer bitteren Marmelade, was ihn an irgendetwas erinnerte.
Anständig wie er war, hatte Lian als bald seine Mahlzeit verzehrt und nebenbei vier Gläser kühles Wasser getrunken. Er tupfte sich den Mund ab und lächelte freundlich, dem forschenden Blick von Miss Stanson standhaltend. Sein Magen fühlte sich schwer an. Das - da war er sich ganz sicher -  würde er nicht jeden Morgen vertragen.

Vanderau besprach nach dem Frühstück ein paar Dinge mit Lian und Miss Stanson. Sie solle Lian behilflich sein, die japanische Küche aufzurüsten – besorgen, was benötigt würde. Bevor Vanderau dann in seinem Arbeitszimmer verschwand, lud er Lian für den Abend in die Bibliothek ein. Er solle den Tag zum akklimatisieren nutzen und sich im Haus zurechtfinden.
   Vielleicht können Sie ja schon für morgen mittag ein Sushi organisieren? Wenn Sie bis dahin so weit sind., hoffte Vanderau.
   Ich werde sehen, was sich tun lässt., entgegenete Lian und konnte es selbst kaum erwarten - in Gedanken an das vergangene Frühstück und in wager Befürchtung, was die weiteren Mahlzeiten des Tages anbelangte.

Vanderau verabschiedete sich.

So – was essen Sie denn so in China? Sushi? Ist das Reis mit Gemüse?, quäkte Miss Stanson.
Lian machte sich auf ein abenteuerliches Gespräch gefasst.
    In China isst man in der Regel kein Sushi, Miss Stanson. Und Sushi, welches in Japan zubereitet wird, ist eine Art, Reis, Fisch und Tang zuzubereiten. Ich erkläre ihnen das mal.
Miss Stanson sah Lian interessiert an.
   >Sushi< bedeutet in Ihrer Sprache soviel wie >sauer<. Ursprünglich entstand das Sushi durch Konservieren von Fisch. Mann salzte den Fisch und packte ihn in grobkörnigen Reis, um das Ganze dann anschließend in der Erde zu vergraben. War der Fisch nach einer Weile auf diese Art und Weise haltbar geworden, konnte man den Reis, der ja eigendlich nur als Mantel für den Fisch diente, trotzdem noch genießen. Er schmeckte leicht säuerlich und war bekömmlich. So kam es wahrscheinlich, das man frischen Fisch mit Reis umhüllte. Der getrocknete oder geröstete Seetang erwies sich wohl einfach als sehr praktisch, um den Reis um den Fisch zu binden. Das Ganze in kleine mundgerechte Stücke geschnitten – fertig ist ein einfaches Sushi.
Miss Stanson hatte mitlerweile auf einem Stuhl Platz genommen und wusste nicht so recht, ob sich ihr bei dem Gedanken an begrabenen Fisch der Magen umdrehen sollte, oder ob sie sich direkt übergeben musste. Seetang! Das eklige und stinkende Zeug, das dreckig und zertreten am Strand lag.

Das war zuviel.

Lian zählte mittlerweile auf, was er zur Zubereitung benötigte.


Als die Erledigungen abgeschlossen waren, nahm Lian sich vor, dass Schloss ein wenig zu erkunden. Er freute sich auf den bevorstehenden Abend, der interessante Gespräche versprach.

Auf das Lunch freute er sich weniger.

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