Nach einem katastrophalen Temperatursturz im Sommer 2012 vernichten unvorstellbare Unwetter nahezu die gesamte Erdoberfläche. Trotz internationaler Forschung hat keiner mit einer so verheerenden und frühen Katastrophe gerechnet, die anfänglich mit einem scheinbar harmlosen Regen beginnt. Vier Monate später ist nichts mehr wie es war. Ein Bruchteil der Menschheit überlebt und findet sich vor einer ungeheuren Herausforderung wieder. Ein neuer Anfang in einer zerstörten Welt.
Leseprobe
Kapitel 1
Jorg und Kranz - 12. März 2012 / 04.00 h – Vörstetten bei Freiburg
Wie im Fluge eilte Jorg durch die unterirdischen Katakomben. Allerhand Gerümpel am Rande der engen Wege flog unscheinbar am Rande seines Blickfeldes vorbei. Direkt vor ihm, mit festem schnellen Schritt, der kräftige und kleinwüchsige Mann, der ihm gerade erst das verborgene Tor in dieses unterirdische Reich öffnete.
„Schnell – auch wenn es längst zu spät ist!“
Jorg hatte keine Ahnung, worum es ging, aber es schien von enormer Wichtigkeit zu sein. Sie kreuzten verzweigte Gänge und durchliefen Hallen, die an längst vergessene Rumpelkammern erinnerten. Unerwartet machte der kleine Kerl vor ihm einen Sprung, verschwand im Dunkel eines hohen Raumes und ehe Jorg ihm hinterher sehen konnte, verlor er den Boden unter den Füßen und fiel ...
Es wurde spät an diesem Abend, als Kranz mit seinem Drahtesel den Weg durch den Wald in die Stadt antrat. Sie hatten schlappe drei Flaschen Campo Viejo Crianza getrunken, und es wurde Zeit, sich hinzulegen. Jorg zog den letzten Zug seiner selbstgedrehten Zigarette, schnippte die Kippe in die Glut des Feuers und ließ sich mit einem zufriedenen Stöhnen in die Hängematte fallen.
Es war eine dieser lauen Nächte, in denen die Temperatur nicht unter sechundzwanzig Grad fiel. Die Grillen zirpten und der warme Frühjahrswind fuhr durch die jungen Gräser.
Mit einem dumpfen Schlag viel Jorg zu Boden. Er schreckte hoch, hielt sich den schmerzenden Arm und schaute sich verwirrt um. Die Bildes des Traumes verflüchtigten sich, und erst jetzt fand er sich in gewohnter Umgebung unter seiner Hängematte wieder. Er schauerte – was war das? Einen Moment noch kämpfte er mit diesem furchtbaren Gefühl des freien Falls – mit der Gewissheit des Todes. Er schüttelte den Gedanken von sich und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Irgendetwas stimmte nicht. Im ersten Moment hatte er Schwierigkeiten, es einzuschätzen. Ihm war kalt. Er fasste an seine freien Oberarme und spürte eine Gänsehaut. Ungläubig fühlte er, dass nicht nur er unterkühlt war - die Temperatur war eisig. Das Gras, in dem er saß, war von gefrorenem Reif überzogen. Er schüttelte sich und lief verwundert rüber zur Feuerstelle. Die Nacht war sternenklar. Sicher, für die Jahreszeit sollten Minusgrade normal sein, jedoch blieb der Winter seit drei Jahren fast aus. Hier auf zweihundert Metern Höhe gab es schon seit zwei Wintern keinen Frost mehr, denn der Klimawandel war deutlich vorrangeschritten. Hatte man 2009 noch von einer übertriebenen Hysterie gesprochen, so war längst die Zeit gekommen, in der man sich an die lauen Winter gewöhnte. Die Gletscher zogen sich in äußerste Höhen zurück, die Eisbären stellten ihren Speiseplan um und die Wintersportindustrie musste umdenken.
Es war kurz vor Sonnenaufgang. Jorg schleppte sich verschlafen zum Haus, schloss die Tür hinter sich und auch die Fenster.
„Wer weis, was die Temperaturen sonst noch vorhaben – heute Morgen.“
Er zog sich die Decke weit über die Ohren, versuchte sich zu erinnern, wo er im Traum stehengeblieben war und schlief augenblicklich wieder ein.
Drei Stunden zuvor hatte Kranz ernsthafte Schwierigkeiten, mit seinem Fahrrad den Kurs durch den dunklen Wald zu halten. Das Licht des Feuers schien in seinen Augen wie eingebrannt und erschwerte zusätzlich zum Campo Viejo den Blick auf die schwachen Umrisse des Schotterweges. Er bog an der ersten Wegkreuzung rechts ab, Richtung Mooswald, um sich nicht den Gefahren der Zähringer Straße auszuliefern - betrunken wie er war.
Mittlerweile hatten sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnt, und so konnte er die Fahrt durch den Wald in vollen Zügen genießen.
„Al fo-ol, al fol. Al fo-ol, al fo-ol – al fo-ol, al fol!” drang seine Stimme singend durch die Hallen aus Baumstämmen.
„Al fo ...“
Da tat es einen Schlag unter der vorderen Felge.
„Heilandssack!“ Kranz fluchte.
Ein spitzer Stein musste dem vorderen Schlauch das Letzte gegeben haben. Mit ruppigem Quietschen bremste er das Fahrrad. Das war’s. Jetzt hieß es schieben. Kranz stieg ungeschickt vom Sattel, warf das Rad mit Schwung zu Boden und ließ sich gleich hinterher sinken. Er holte tief Luft und schnaubte genervt.
„Gut! Wenn’s sein muss. Na bitte – nur keine Hektik.“
Er kramte in der Tasche und holte seinen Tabak hervor, um sich eine Zigarette zu drehen.
Der Rauch stieg ihm zu Kopf, drehte diesen ein paar mal um sich selbst und stellte ihn dann vorrübergehend ab. Laut schnarchend schlief er ein.
Langsam sank eine eisige Kälte auf den Wald nieder und drückte die aufgewärmte Luft zwischen den Bäumen nach oben in höhere Luftschichten. Kurze Zeit später lag Raureif über Ästen und Blättern.
Harkan - 12. März 2012 / 02.00 h – Diskothek Kagan
Mit lautem Getöse knallte die Toilettentür zu.
„Und jetzt ... jetzt Mann? Was machst Du jetzt?“ Er fuhr sich mit dem linken Handrücken über die schweißnasse Stirn und hielt in der rechten sein Messer. Vor ihm lehnte sich ein hagerer Kerl mit dem Rücken über das Waschbecken und wünschte sich, er könnte noch einen Schritt weiter zurück.
„Du Scheißkerl! Isch sag dir, was du jetzt machst! Verstehst Du?“
Harkan kam mit seinem Messer bedrohlich nah an die Kehle des anderen. – „Du räumst jetzt Deine Taschen aus ... du Arschloch! Alles in das Becken da! Mach schon!“
Ohne einen Ton von sich zu geben, leerte der Unterlegene seine Taschen und beförderte dabei einen Geldbeutel, einen Schlüsselbund mit einem BMW Schlüssel, sowie zwei Kondome hervor. Er wusste, daß er am besten den Mund hielt.
„Ok ... geht doch! Und jetzt Deine Socken!“
Der andere stockte.
„Deine Socken, oder soll isch dich aufschlitze – du Penner?“
Der andere bückte sich, zog das linke Hosenbein hoch, griff mit der anderen Hand in den Sockenbund und hielt eine durchsichtige Plastiktüte gefüllt mit zwanzig Gramm Kokain in der Hand.
Harkan grinste. – „Noch besser!“
„Hey Mann, nimm das Zeug und mach dir nen schönen Abend, ja? Ich mach Dir keine Probleme – ehrlich! Ich ...“
„Halt dein’ Mund!“ fauchte Harkan ihn an. – „Wenn ich was von dir hören will, dann sag isch Bescheid.“
In dem Moment ging die Tür auf, eine Druckwelle des Basses fegte von der Tanzfläche in den Toilettenraum und zwei Gäste kamen herein.
„Ey Geil ... hättest Du das gedacht? Die sind ja echt spitz!“
„Sag ich doch.“ grinste der andere zurück und erkannte in diesem Moment, was vor ihren Augen passierte.
Harkan hatte die Tüte mit dem Koks schon in der Hand und sprang im selben Moment auf die Zwei Typen los, fuchtelte wild mit dem Messer, stopfte sich seine Beute in die Sporthose und machte, dass er hier raus kam. Die beiden sprangen erschrocken zurück. Gerade als er die Toilette in einem Satz verlassen wollte, packte ihn einer der beiden mit festem Griff an der Jacke und Harkan wurde zurückgerissen.
„Langsam Mann! Was geht denn hier?“ sagte einer der beiden gereizt und forderte eine augenblickliche Erklärung.
Sofort fuhr Harkan herum, zog dem Kerl sein Messer durch die Bauchdecke und war Sekunden später im Treppenhaus. Hinter ihm hörte er lautes Geschrei und der Vorsteher bellte ihm hinterher, als der sich ausgerechnet hatte, warum der Chapo mit solcher Eile an ihm vorbeirannte.
„Ey, bleib stehen!“ Sofort war ihm der Türvorsteher auf den Fersen.
Harkan hechtete zwei Stockwerke runter, hielt an und öffnete die Tür zu einem Notausstieg. Ein Alarmsignal ertönte, aber Harkan bekam das in der Eile kaum mit. Einen Augenblick später rutschte er die Feuerleiter des Gebäudes herab.
„Scheiße Mann!“ Es war eiskalt ...
Er rutschte das metallene Gestänge herab und verlor zweimal beinahe den Halt. Mit schweren Sohlen kam ihm der Türvorsteher hinterher, traute sich aber nicht, den waghalsigen Stunt des Türken nachzuahmen, und hatte somit keine Chance, ihn einzuholen. Unten angekommen sprang Harkan auf das Dach des Nachbargebäudes und kam von dort auf die Dächer der Bahngleise. Er verharrte, blickte nach oben zum Kagan und musste einen Moment darüber nachdenken, dass er eben diesen riesigen Turm an der Außenleiter heruntergerutscht war.
„Cool, Mann!“ dachte er, sah über den Rand der Bahndächer – es war keiner zu sehen. Er sprang runter auf das Gleis, vergewisserte sich nochmals, dass er niemandem auffiel und ging langsam zum Treppenaufgang der Brücke, die rüber in den Stühlinger führte. Von oben sah er, wie mehrere Polizisten die Gleise stürmten und die Bahnanlage sicherten. Er zog seine Jacke enger um sich und ließ seine Hände in den Ärmeln verschwinden.
„Scheiße, Man.“ sagte er nochmals zu sich. – „Isch glaub, isch bin am Nordpol.“
Joos & Franz - 12. März 2012 / 05.00 h – Schauinsland
Entgegen allen Erwartungen hatte die Bundesregierung die Umweltbelastungen laut Statistik um sechs Prozent gedrosselt. Jedoch half das im letzten Winter niemanden. Nach neuesten Hochrechnungen war man sich keineswegs mehr darüber im Klaren, ob die Umweltverschmutzungen oder der natürliche Klimawandel mehr dazu beitrugen, an Weihnachten die Gans auf dem Grill im Garten zu drehen, statt sie im heimischen Ofen zu braten.
Die Wintersportindustrie war im vergangenen Winter wohl am meisten ins Schwitzen gekommen. Nicht, dass der Schnee auch schon die Berge mied – nein, er reichte nur nicht aus, um den Ansprüchen der Wintersportler gerecht zu werden.
Auf dem Schauinsland, dem Freiburger Hausberg, gab es im letzten Winter ganze siebzehn Schneetage. Ein findiger Bauer ahnte von der Miesere und entwickelte bereifte Bobs und Snowboards, die nicht nur auf den trockenen Pisten fuhren, sondern dank ihres Profils auch auf Schnee. Joos stand an diesem Morgen bereits schon um fünf in der Frühe an seiner Werkbank. In den vergangenen Tagen stieg die Zahl der begeisterten Rollboard - Fahrer dermaßen an, das er am frühen Mittwoch Nachmittag schon neue Rothaus Fässer kommen lassen musste, um die auf freie Roller wartenden Sportler und Touristen zu bewirten. Das Geschäft boomte und an diesem Tag war Samstag. Die Saison nahm kein Ende.
Er baute neue Rollboards.
Joos war stolz auf seine Entwicklung. Er hatte die Idee nach einem Bankgespräch, welches ihm gezwungener Maßen zur Kreativität veranlasste.
Er kaufte spezielle Komponenten und experimentierte so lang mit verschiedenen Federungen und Bereifungen, bis er die perfekten Teile zusammen hatte. Montiert hatte er sie selbst und auf diese Weise eine eigene Produktion auf die Beine stellen können.
Er hatte gerade den dritten Roller in Arbeit, als er vor der Tür der Werkstatt Schritte vernahm. Die Tür ging auf und der alte Franz kam schnatternd herein.
„Um Mitternacht waren’s noch einundzwanzig Grad. Das ist doch nicht zu fassen. Sechs Grad Minus!“
„Morgen Franz – hat’s dich auch bei offenem Fenster erwischt?“
Joos legte den Schraubenschlüssel zur Seite und wischte sich das Maschinenfett mit einem alten Lappen von den Händen.
„Ich weiß nicht.“ sagte Franz. – „Ob das ein gutes Zeichen ist ...“
„Sollte es eins sein?“
„Ich denke, dass das nicht ohne Folgen bleibt.“
„Denkst Du, dass der Winter jetzt im Sommer kommt?“
„Nein – ich weiß nicht, was ich denken soll.“
„Dann warten wir’s doch ab. Vielleicht bei einem heißen Tee?“
„Gute Idee.“ sagte Franz und stöberte über der Werkbank.
Franz hielt die neuen Rollboardpläne in Händen, als Joos mit einer dampfenden Kanne heißen Tees zurück in die Werkstatt kam. Er nahm zwei Becher von einem Regal und befreite sie mit einer Luftdruckpistole vom Schleifstaub.
„Und? Was denkst du.“ fragte er Franz, der mit gerunzelter Stirn immer noch in die Pläne schaute.
„Nicht schlecht.“ sagte er. – „Der Erfolg ist dir gewiss.“
Jorg füllte die Tassen mit Tee und reichte Franz eine davon.
„Ich muß noch ein wenig daran feilen, aber das wird schon werden.“
„Du kommst schon zurecht mit den Temperaturen. Aber der Berg ... ich hab die alte Furtwängler auf dem Weg hierher getroffen. Angeschnauzt hat sie mich. Ob ich’s jetzt begriffen hätte. Und sie hat’s tatsächlich gesagt – jetzt ist der Frost zurück. Hoffen wir, dass sie sich im Rest ihrer Gespinste getäuscht hat.“
„Was meinst Du?“
Franz verharrte einen Moment.
„Als ich sie vor einer Woche traf, faselte sie etwas vom letzten großen Regen, der alle davonspühlt! – Dummes Geschwätz ...“
„Der letzte große Regen!“
„Lach nicht zu laut – die Alte hat schon manches vorhergesehen, was hinterher keiner mehr wissen wollte. Ich hoffe nur, dass ihr jetzt endgültig die Sicherungen rausgesprungen sind. Das wäre mir zumindest lieber, als das Ende ...“
„Ach komm!“ sagte Joos. – „Vom Ende haben schon viele erzählt. Nur weil es urplötzlich nach drei warmen Jahren mal richtig kalt wird, müssen wir doch wohl noch nicht ins Gras beißen.“
„Natürlich nicht.“ murrte Franz. – „Ich mach mir lediglich so meine Gedanken.“
„Noch eine Tasse Nachschub? Mit Schuss?“
„Gerne.“
Joos nahm vom Regal eine Flasche Obstwasser, füllte erst die Tassen mit Tee und schüttete dann großzügig mit Klarem nach.
„Ah – das duftet.“ Franz nahm einen großen Schluck aus der dampfenden Tasse und schnaufte in sein Stofftaschentuch.
„Wie dem auch sei.“
Kranz - 12. März 2012 / 06.30 h – Vörstetten bei Freiburg
Kranz erwachte, als eine Dame vorangeschrittenen Alters ihn mit ihrem neonfarbenen Walkingstock in die Seite stach.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie und schaute sich den Mann auf dem Boden mit gemischten Gefühlen an.
Franz wollte sich gerade wieder umdrehen, bemerkte aber, dass es auf einem Schotterweg nicht dasselbe war wie auf einer weichen Matratze. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er heute Nacht hier mitten auf dem Waldweg eingeschlafen sein musste. Er starrte die Alte mit zusammengekniffenen Augen an.
„Wieviel Uhr ist es?“, fragte er, als wäre das eine ganz alltägliche Situation.
„Na Sie sind gut!“, sagte die alte Dame, während sie es kaum glauben konnte. „Es ist halb Sieben. Sie haben ja Glück, dass sie nicht erfroren sind. Wie ein Landstreicher sehen Sie ja nicht aus.“
„Danke!“, sagte Kranz mit einem genervten Grinsen, begutachtete die Daunenjacke der Dame, und erst jetzt viel ihm auf, dass er fürchterlich fror.
„Wollen Sie jetzt nicht endlich aufstehen?“, sagte sie und stach ein zweites Mal mit ihrem Walkingstock in seine Seite.
„Danke, ich schaff das schon! – Passen sie bitte auf – mit ihrem Ding da! Was ist das überhaupt für eine scheiß Temperatur?“
Die Alte schüttelte verärgert den Kopf und machte sich mit ihren lärmenden Stöcken wieder auf den Weg.
„Ist ja kaum zu fassen.“, hörte er sie noch sagen, bevor sie weiterschimpfend davonlief.
Kranz nahm sein Fahrrad und kehrte um. Es war ja wesentlich näher zu Jorg als zu seinem Wohnmobil. Weit war er heute Nacht nicht gekommen. Er brauchte jetzt erstmal einen Kaffe. Nun bemerkte er, dass sein Vorderrad einen Platten hatte. Also schob er sein Fahrrad zurück - ohne Hektik.
Ihm war, als wäre dem Winter nun doch noch eingefallen, dass er sich ja nicht ewig vor der Arbeit drücken konnte. Der Waldboden war in eisigen Raureif getaucht und die aufgehende Sonne verhalf ihm zum Glanz. Wenig später stellte er sein Fahrrad ans Tor und klopfte an Jorgs Fenster.
„Hey Mann! Der Winter ist zurück und ich übrigens auch schon wieder!“, rief er durch die Scheibe.
Jorg fuhr aus dem Schlaf und rieb sich die Augen. Ihm war kalt. Er brauchte noch einen Moment, bevor er Anstalten machte aufzustehen.
„Wenn das so weiter geht, muss ich mir wieder eine Winterdecke zulegen. Kaum zu glauben. Warte ich mach dir auf.“
„Morgen.“, sagte Kranz verfroren
„Wo kommst Du denn schon wieder her? Bist du nicht gerade erst gefahren?“
„Man kann sagen, ich war gar nicht wirklich weg. Mein Reifen. Naja – ich bin recht unbefriedigend geweckt worden. War wohl eine Flasche zuviel. Ich mach Kaffe.“
„Und ich mach wohl erstmal den Ofen an.“
Jorg verschwand hinterm Haus und kam wenig später mit einem Arm voll Brennholz zurück. Fünf Minuten später brannte das Feuer in der Küchenhexe und versprach baldigst ein heißes Getränk.
„Ist ja merkwürdig. Die Temperatur muss innerhalb kürzester Zeit um über 25 Grad gefallen sein.“
„Geht das überhaupt? Ich meine innerhalb von – weiß nicht – zwei Stunden?“, bemerkte Kranz, während er sich über dem Ofen die Hände rieb.
„Scheint so. Aber ungewöhnlich ist es allerdings.“
Jetzt brodelte die Espressomaschine über. Jorg nahm zwei Tassen vom Regal und sah aus dem Fenster.
„Ah, sieh! Die Sonne schmilzt schon das Eis auf der Wiese.“
„Ist mir auch lieber.“, sagte Kranz, während er die Tassen auffüllte.
„Komm, wir setzten uns raus!“
Der heiße Kaffe bekam durch die Kälte etwas Besonderes. Seit zwei Wintern fielen die Temperaturen nicht unter Null. Das war schon irgendwie komisch, aber keiner von den beiden hatte sich wirklich darüber beklagt.
„Das Klima unterliegt nunmal auch dem natürlichen Wandel – ob mit oder ohne Umweltverschmutzung.“
Jorg von Deising
Jorg von Deising war ein sonderbarer Ethnologe. Erst vor einem Jahr bekam er einen Kulturpreis für seine Arbeiten und Veröffentlichungen zur Aufklärung geschichtlicher Umstände, was eine kleine Welle des kulturellen Wandels auslöste. Es lag ihm am Herzen, die verschütteten Wurzeln der eigenen Kultur ans Licht zu holen und die verstaubten und düsteren Lasten der letzten Jahrhunderte abzuschütteln. Er galt als ursprungsorientiert mit vorrausschauendem Blick für die Zukunft. Den Anfang seiner Karriere stellte ein Buch dar, welches Verbindungen zwischen Christen und Kelten aufdeckte. Eifrige Forscher warfen daraufhin den Christen vor, ihren Glauben auf's Übelste von den Kelten abgekupfert und zum eigenen Vorteil umgeschrieben zu haben, um die Menschen mit göttlichen Drohungen und Höllenstrafen zu unterjochen. Das löste natürlich nicht nur eine Welle von Kritiken den Christen gegenüber aus. Ganz im Gegenteil: Jorg nahm die Gelder seiner Honorare und verschanzte sich in der March bei Freiburg tief im Wald, um seinen Gegnern und auch der Presse zu entkommen. Keiner wusste bis dahin von den sechs Hektar Wald, und es kam auch keiner auf die Idee, ihn dort im Gestrüpp zu suchen. Er baute sich eine geräumige Holzhütte auf einer weiten Lichtung fernab von den nächsten Waldwegen und hatte dort alles, was er zum Leben und Arbeiten brauchte. Und vor allem hatte er dort seine Ruhe.
Des Nachts lebte Jorg ein zweites Leben, welches ihn auf verworrene Weise durch unterirdische Katakomben oder in luftige Höhen trieb. Vielleicht waren es die vielen volkskundlichen Geschichten, die er las, welche ihn in später Nacht in einer Welt von knorrigen Gnomen und feenähnlichen Lichtern leben ließ. Er hatte keine Ahnung, welche Verbindung er darin sehen sollte, und betrachtete diese Abenteuer als spaßiges Privileg, wenn er wie „Alice im Wunderland für Erwachsene“ nachts seine anderweltlichen Aufgaben erledigte. Allerdings wiederfuhren ihm manchmal Dinge in dieser Traumwelt, die er lieber nicht hinterfragte.
Wenn er nicht gerade an revolutionären Buchprojekten saß, schrieb er für diverse Veröffentlichungen und Zeitungen an Artikeln, die sich abgesehen von den miesen Honoraren für freie Journalisten ganz gut verkauften. Seine Interessensgebiete und Sichtweisen fielen so sehr aus der Rolle, dass sich manch ein Redakteur nicht zweimal bitten ließ, einer Veröffentlichung zuzustimmen.
Man kann sagen Jorg war ein glücklicher und zufriedener Schriftsteller und Denker. Es gab auch Zeiten, in denen er sich gerne unter's Volk mischte und voller Tatendrang alles in's Rollen brachte, was ihm wichtig erschien. Er war einer von denen, denen die Leute gerne zuhörten und die mit einer lockeren Überzeugungskraft manchen in ihren Bann zogen. Dabei war er steht’s freundlich, zuvorkommend – eine durchweg seriöse Erscheinung mit kleinen Fehlern, die seine Person interessant machten.
Doch seit einigen Jahren hatte er sich zurückgezogen. Je mehr er sich in seine Arbeiten und Gedankengänge vertiefte, desto unsinniger erschien ihm das Treiben da draußen in der Welt. Aggressionen und Hektik konnte er nur schwer übersehen: an Supermarktkassen, auf öffentlichen Plätzen, im Straßenverkehr. Manches Mal vermisste er die Zeiten, in denen er sich über all die Probleme der Gesellschaft keinen Kopf machte. Aber es reichte, dass die wenigen Versuche, die er unternahm, einen Weg zu finden, auf dem er beide Gleise befahren konnte, scheiterten. Sein derzeitiges Leben machte ihn zum Einsiedler. Darin sah er allerdings auch einen Sinn, denn ohne diese Umstände wäre manche Schrift nicht zustande gekommen. Er gab sich also den Erkenntnissen hin und lebte sozusagen für die Wissenschaft. Ein Opfer, das er gerne brachte.
Am Nachmittag
Jorg und Kranz saßen schon bei einer neuen Flasche Campo Viejo, als es anfing, leicht zu nieseln. Die Temperatur hatte sich erstaunlich schnell erholt und bot zu verkraftende achtzehn Grad. Sie zogen sich zurück unter das Vordach des Holzlagers, um dem einziehenden Regen zu trotzen.
„Na wenigstens ist es jetzt nicht mehr so kalt.“, gab Kranz von sich, nachdem er eine bequeme Stellung auf dem Spaltklotz fand.
Jorg schaute schon etwas vernebelt aus den Augen.
„Alles, nur keinen späten Winter! Regen macht mir rein gar nichts.“
„Du sagst es, aber ... irgendwie fände ich es ein wenig beruhigend.“, entgegnete Franz. „Ich mache mir schon so meine Gedanken darüber, wie das wohl weitergeht. Du könntest Bananen anbauen. Bananen in der March! Rein biologisch – versteht sich.“
„Ja. Oder einen guten roten Wein. Ich sehe eigentlich keinen Unterschied mehr zum Kaiserstuhl. Davon abgesehen, dass dem jetzt erst recht keiner mehr das Wasser reichen kann. Aber Du sagst es: Wo führt das hin? Die Schwarzwälder Tropen? Wir bräuchten nur noch ein paar Bienen im lauen Winter. Im Januar blühten vereinzelt ein paar Brombeeren. Ich könnte sie von Hand bestäuben – ganz einfach.“
Jorg stand auf und holte von drinnen noch eine Flasche vom Crianza.
„Ich glaube, das ist dann aber meine Letzte für heute. Nach dieser kurzen Nacht brauche ich meinen Schönheitsschlaf. Morgen muss ich noch einen Artikel fertigschreiben.“
Es blieb dann doch nicht bei dieser Flasche.
Harkan - 12. März 2012 / 16.30 h – Stühlinger, Ferdinand Weis Str.
Harkan erwachte von einem lauten Knall. Er hörte seine Mutter aus dem Flur laut schreien. Im nächsten Moment wurde die Tür zu seinem Zimmer aufgetreten und zwei bewaffnete Polizisten in kugelsicheren Westen stürmten mit vorgehaltenen Gewehren in den Raum.
„Aufsteh’n! Hände hinter den Kopf und an die Wand!“
Harkan stockte. Er war wie gelähmt. Was sollte er jetzt machen ... Scheiße Mann!
Die beiden gepanzerten Beamten standen wie Mauern im Raum – ein großer vor ihm links an der Wand und ein kleinerer rechts. Sie sahen aus, wie Harkan das aus dem Fernsehen kannte, nur trugen sie zivile Hosen und Hemden unter ihrer Panzerung. Harkan war dermaßen überrascht von dem Übergriff, dass er gar keine Zeit hatte, sich ernsthaft Sorgen um diese auswegslose Situation zu machen. Er starrte die Beamten mit einem ausdruckslosen Blick an und überlegte angestrengt.
„Hände hinter den Kopf und an die Wand, hab ich gesagt.“, brüllte ihn wiedermals einer der Polizisten an.
Harkan reagierte nicht. Draußen im Flur standen weitere Beamte. Er wusste nicht, wieviele es waren, aber an denen kam er auf gar keinen Fall vorbei. Mit Nachdruck kam einer der Polizisten näher. Jetzt wurde der Kreis immer enger – er musste handeln, oder sich ergeben. Letzteres schied klar aus – nicht mit ihm. Harkan nahm in Sekundenschnelle sein Kissen, warf es einem der Polizisten entgegen und sprang durch das geöffnete Fenster nach draußen. Er landete zwei Meter fünfzig tiefer genau auf dem Spielplatz vor dem Haus – mitten zwischen den spielenden Kindern aus der Nachbarschaft. Sofort rappelte er sich auf und rannte los.
„Scheiße!“, hörte man einen der Beamten rufen. Da waren Kinder. Er konnte nichts tun. Der Beamte sprang ihm hinterher und sackte mit einem Stöhnen zusammen, als er auf dem Boden aufkam. Er fluchte wiedermals. „Mein Knöchel!“, schrie er.
Harkan rannte, was das Zeug hielt. Die anderen Beamten nahmen alle erdenklichen Wege, ihn zu verfolgen, jedoch hatte Harkan schon einen guten Vorsprung. Mit großen Schritten sprang er, ohne sich umzudrehen, über den Zaun, dann über die Straße, über eine Mauer und weiter durch die Gärten und Hinterhöfe. Er rannte so schnell ihn seine Beine trugen und hatte eine Minute später die Schnellstraße erreicht. Die Beamten waren noch nicht zu sehen. Er kletterte über die Absperrung und lief fast in ein Auto, das im letzten Moment mit quietschenden Bremsen ablenkte und zum Stehen kam. Harkan war schon über die zweite Absperrung in die zwischen den Straßen verlaufende Dreisam gesprungen, als ein Lastwagen in den vor ihm gebremsten PKW fuhr und einen Massenaufprall verursachte. Es knallte mehrmals - eine Karosserie schob sich in die andere.
Als Harkan die Dreisam überquert hatte, schaffte er es ohne Komplikationen über die Gegenfahrbahn in einen Hinterhof und kam ungesehen zwei Minuten später in einem kleinen Park an. Dort schlug er sich in einen Busch und versuchte keuchend seinen Pulsschlag zu beruhigen.
„Scheiße. Das war richtig falsch gelaufen.“, dachte er. Hastig schaute er sich nach allen Seiten durch das Astwerk um.
„Scheiße Mann, Scheiße.“
Er überlegte fieberhaft, wie er jetzt aus der Stadt kam. Sie würden ihn überall suchen. Er konnte sich allzu gut vorstellen, dass jeder Schritt auf offener Straße ein dummes und überflüssiges Risiko war. Unmöglich konnte er alles um sich herum im Griff haben. Wenn nur nicht noch der Regen wäre.
Harkan erinnerte sich daran, wie er als kleiner Junge oft mit seinem Großvater über ein Wochenende durch die Wälder der Türkei striff. Er dachte gerne an die Zeit zurück – eine Zeit, in der alles einfacher und friedlicher war. Aber diese Zeit war lange vorbei und er war schon längst nicht mehr der kleine Junge, der wohlbehütet in einer gesunden Umgebung aufwuchs. Als er mit seiner Familie vor fünfzehn Jahren nach Deutschland kam, musste er lernen, sich wie ein Mann zu verhalten. Es war schwer, sich zu behaupten und sich Respekt zu verschaffen, und es gab so vieles, was ihm unerreichbar schien. Er lernte schnell, sich Dinge zu beschaffen, und er lernte zu schnell, wie man mit Gewalt fast alles bekam – von jedem.
Als er sich von dem Sprint erholt hatte und sich sicher war, dass ihn keiner verfolgte, machte er sich auf den Weg über St. Georgen zum Schönberg. Ein paar Tage wollte er sich da im Wald zurückziehen und in Ruhe nachdenken, was er jetzt tun könnte.
Eine Woche später.
Es regnete seit sieben Tagen - anfangs mit leichtem Nieselregen, der im warmen Sonnenlicht durchaus etwas Entzückendes hatte. Auf den freien Flächen um und in der Stadt sah man Menschen verweilen, die mit erhobenem Blick in den Weiten des Himmels versanken. Bilderbuchwolken hinter einem leichten Dunstschleier am Horizont. Der warme Regen tauchte die Welt in Glanz und schien selbst den größten Gefallen an seinem Werk zu finden. Zwei, manchmal drei, Regenbögen standen hintereinander und vergingen wiederum, um den nächsten Platz zu machen. Doch jetzt versprach die Wettervorhersage ein jähes Ende des himmlischen Farbenspiels, das nicht nur die Freiburger in Entzücken versetzte.
Tanis / Katarina Lind - 19. März 2012 / 07.00 h – Schönberg
An diesem Morgen war Tanis schon kurz nach Sonnenaufgang mit dem Fahrrad auf den Schönberg gefahren. Ihr war das zauberhafte Wetter unheimlich. Ein Regenbogen jagte den anderen. Was mochte das bedeuten? Als sie mit dem Rad durch Merzhausen fuhr, verlor sie schon den Mut daran, mit dem Rad bei der dicken Luft den Berg hinaufzufahren. Es war seit Tagen schwül. Das war kein Wunder, denn solch ein leichter Regen bei Temperaturen um sechsundzwanzig Grad war schnell verdunstet, und nach einer Woche Niederschlag war die Luft mit feinem Wasserdampf gesättigt. Obwohl Tanis noch nicht einmal den Aufstieg zum Berg erreicht hatte, war sie schon nass geschwitzt. Kaum jemand nutzte einen Regenschirm, denn nass wurde man bei der geringsten körperlichen Anstrengung ohnehin.
Als sie ihr Fahrrad mit einer übertriebenen Ruhe die Straße hinaufschob, dachte sie an die spätere Abfahrt - sie würde ihr gewiss einen kühlen Wind verschaffen.
„Tanis!“, rief eine Stimme von hinten. Sie blickte sich um und verdrehte die Augen.
„Nein nicht die ...“, sagte sie leise, während sie sich ein Lächeln abzwang und unmotiviert winkte.
„Hallo Schandra, was führt dich um diese Uhrzeit durch die Straßen?“
„Ich war da vorne beim Bäcker ein paar Weggen kaufen. Weißt du, wir haben gestern ein Feuer auf der oberen Wiese gemacht – es war ein traumhafter Abend. Robert hatte seine Jembey dabei und wir haben die ganze Nacht getrommelt und Mantren gesungen. Mit Sinchota, Olga, Steven und Jakob. Da hättest du dabei sein müssen!“
„Oh, schön. Na dann – es tut mir leid, aber ich muß weiter. Wir seh’n uns.“
Tanis wollte Schandra so schnell wie möglich loswerden, lächelte noch kurz und machte sich sofort weiter auf den Weg.
„Alles in Ordnung, Tanis?“, rief Schandra zögernd hinter ihr her.
„Ja klar. Ich muß weiter. Bis bald.“
Als Tanis auf dem Schönberg ankam, setzte sie sich bei der kleinen Kapelle auf die Wiese und schaute nachdenklich in den Himmel. Die Sonne stand noch zu niedrig, um erneut ihr Spiel mit den Farben zu beginnen, und der leichte Regen rann ihren Körper hinab.
Tanis leitete jahrelang Seminare in der Esoterikszene. Eigentlich fühlte sie sich wie eine verlorene Blume auf einem staubigen Feld. Fern von den dogmatischen Gefilden der Suchenden kämpfte sie jahrelang für ein wenig Bodenständigkeit in der spirituellen Szene. Sie konnte den Tonfall der neunmalklugen Eso’s nicht leiden, wusste aber, dass die im Prinzip nichts für ihre Verlorenheit konnten.
Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und holte tief Luft. Vor ihren Augen manifestierte sich eine Landschaft.
Sie war in einem tiefen Wald.
Wie auf einem Wind treibend flog sie zwischen den Bäumen hindurch und freute sich über das üppige Grün. Die Vögel sangen, ringsherum gurgelten kleine Bäche und große alte Eichen standen in gebührendem Abstand voneinander. Sie hatte diesen Wald schon einmal gesehen, ganz in der Nähe der Stadt, aber als sie versuchte, sich genauer zu erinnern, tauchte vor ihr eine große Lichtung auf und eine Holzhütte fiel in ihren Blick. Es war mehr ein Blockhaus – groß und geräumig. Vor dem Haus saß ein Mann auf der Veranda und war in Gedanken versunken. Der Wind, auf dem sie trieb, flachte ab, und sie landete sanft auf der wilden Wiese der Lichtung im Abstand von zwanzig Metern vor dem Haus. Der Mann bemerkte sie nicht. Sie beobachtete ihn eine Weile eindringlich, wie er da saß und seine Sinne schweifen ließ.
Er war groß und hatte blondes Haar, das einen Hauch ergraute, jedoch schien er kaum älter als vierzig Jahre zu sein. Sein Körper war kräftig gebaut und seine blauen Augen strahlten Ruhe und Wärme aus. Sie lächelte. Er gefiel ihr.
Vergebens versuchte sie, irgendwo einen Anhaltspunkt zu finden, an dem sie hätte erkennen können, wo sie genau war und wem sie gegenüberstand, als sie aus ihrem Tagtraum erwachte.
Joos - 19. März 2012 / 14.00 h – Schauinsland
Es regnete ohne Unterlass. Das Bauen weiterer Rollboards hätte Joos sich sparen können. Nachdem es angefangen hatte, beständig zu regnen, wurden seine Pisten nach nur drei Tagen für seine Roller unbefahrbar. Auf Schnee oder trockener Wiese fuhren sie problemlos, aber der vom Regen aufgeweichte Boden wurde schnell matschig. Die Reifen rutschen einfach seitlich weg und hinterließen erhebliche Schäden auf den Pisten. Auch waren die Kunden ausgeblieben, da bei dem Wetter kaum jemand hier herauf kam.
Joos entspannte sich. Er hatte in den letzten Monaten genug eingenommen, um so eine Wetterlage zu überstehen. Er saß auf dem überdachten Teil der Terrasse und machte schon den zweiten Tag die umwerfendsten Fotos vom Schauspiel der Regenbögen.
Er hatte schon eine beachtliche Reihe von Fotos geschossen, die er im Postkartenformat drucken lassen wollte, um sie anschließend an die Touristen und Gäste zu verkaufen. Zudem kam ihm nach der überlangen Saison ein wenig Ruhe ganz gelegen. Er genoss die Stille.
„Joos!“, rief seine Frau aus der Stube. „Komm schnell rein!“
„Was gibt es denn?“
„Beeil dich!“
Joos stand auf und ging eilig in die Stube. Im Radio hörte er die Wettervorhersage. Rebekka stand an einen Stuhl gelehnt, schaute ihn an und wies auf das Radio.
„... die Temperaturen fallen auf zwölf bis sechzehn Grad. Und nun zur Vorhersage für morgen: In der Frühe ist mit starken Regenfällen zu rechnen. Das Atlantiktief zieht weiter von Westen heran und hält sich stabil über Baden-Württemberg bei einer Windstärke von zwei bis drei. In den kommenden Tagen ist keine Veränderung in Sicht. Soviel zum Wetter. Wir machen wie...“
Rebekka stellte das Radio leiser.
„Na dann können wir es uns ja gemütlich machen.“, sagte Joos mit einem Grinsen.
„Gemütlich ist wohl etwas anderes. Bevor du reinkamst, sprachen sie von einer ungewöhnlich großen Tieffront und haben das „groß“ ausdrücklich betont. Die Piste wird zur Matschpartie.“
Joos musste an die alte Furtwängler denken. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er setzte sich an den Tisch und grübelte.
„Ich wasch das Geschirr.“ Rebekka verschwand in der Küche.
„Da kann man nichts machen.“, dachte er, als Franz hereinkam.
„Grüß dich, Franz.“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. „Hast Du die Wettervorhersage gehört?“
„Grüß dich, Joos. Nicht nur das. Hast du die Badische hier?“
„Ja, ich hab sie heut' nicht gelesen. Warum?“ Joos stand auf und holte die Zeitung von der Anrichte.
„Da steht ein Artikel von so Wetterfröschen. Die berichten von einem ungewöhnlich großen Tief, das vom Atlantik her zu uns auf dem Weg ist und anderthalb mal Europa bedecken könnte. In Amerika ist so eins schon gestern entstanden und verwüstet die gesamten Staaten. Das Ding ist so dicht, das man auf den Satellitenbildern kaum was sehen kann. In Asien steigt das Hochwasser und überflutet ganze Landstriche. Joos – das sieht gar nicht gut aus! Die Furtwängler...“, Joos bekam eine Gänsehaut, „... macht mir Angst mit ihrem Gerede.“ Franz machte eine ernste Miene.
Sie schwiegen.
„Vielleicht sollte ich dann den Hof besser auf eine düstere Zeit vorbereiten.“, sagte Joos nach einer Weile. „Und du solltest für ein paar Tage zu uns runterziehen. Erinnerst du dich an den letzten großen Regen? Möchte wissen, wie du da wieder runterkommen willst, wenn der Boden erstmal richtig aufgeweicht ist.“
„Du hast Recht, ich sollte ein paar Sachen holen, bevor es losgeht, und dann helfe ich dir hier auf dem Hof.“
„Rebekka!“ Joos hatte sich zur Küche gedreht. „Mach dir Gedanken, was wir für vierzehn Tage noch brauchen könnten und fahr doch bitte runter ins Dorf!“
Franz verließ die Stube und Joos dachte nach, was auf dem Hof alles gemacht werden müsste. Er entschloss sich zu einem Rundgang.
Kranz - 19. März 2012 / 15.30 h – Freiburg, St. Georgen
„Kannst Du mir mal die Drahtbürste reichen?“, fragte Kranz Stefan, während er sich die rechte Handfläche an einer scharfen Kannte der Karosserie schrammte.
„Autsch ...“
Stefan reichte ihm die Bürste.
„Hier hab ich noch etwas Rost übersehen.“ Mit Mühe schrubbte er das Karosserieblech an der Stelle sauber.
„Hier müsstest du auch noch mal drübergehen.“ Stefan zeigte auf eine Stelle am Kotflügel.
„Wenn man einmal was anfängt, dann nimmt’s kein Ende. Aber es wurde auch mal wieder höchste Zeit, sich um den Rost zu kümmern – gerade bei dem Dauerregen. Da fault mir ja die ganze Kiste weg.“
Stefan machte ein genervtes Gesicht.
„Hast Du die Wettervorhersage gehört?“
„Nee, gibt’s Besserung?“
„Wohl kaum.“, sagte Stefan und wischte sich die Hände mit einem Lappen ab. „Morgen früh soll es erst richtig losgehen. Schluss mit Regenbogenromantik und Sonnenschein. Ein fettes Tief kommt vom Atlantik rüber und beschert uns den echten Regen.“
Kranz stöhnte.
„Wo kommt das ganze Zeugs nur her? Das muß doch mal ein Ende haben. Naja – wahrscheinlich schüttet’s sich dann mal richtig aus, und dann ist’s wieder gut. Wie schlau von mir, den Wagen dichtzumachen.“
„Hast du von dem Unfall auf der Schnellstraße im Stühlinger gehört?“
„Unfall?“
„Ja, da ist wohl ein Chapo vor den Bullen getürmt. Er soll im Kagan einem den Bauch aufgeschlitzt haben. Als sie ihn verhaften wollten, ist er getürmt und hat beim Überqueren der Schnellstraße einen Mordsunfall verursacht. Ist keiner ernsthaft verletzt worden, aber neun Fahrzeuge sind da ineinander gerauscht. Der Toyota draußen auf’m Hof ist einer von denen.“
„Wahnsinn!“, sagte Kranz. „Aufgeschlitzt? Und haben sie ihn erwischt?“
Stefan kratzte sich im Nacken.
„Nee. Der ist wohl nicht mehr in der Stadt. Die Beamten fanden keine Spuren mehr – tappen im Dunkeln.“
„Na prima! Da rennen Leute rum...“ Kranz machte ein ernstes Gesicht. „So, dann werfen wir mal die Sprühdosen an!“
Stefan grinste.
„Los geht’s!“
Harkan - 19. März 2012 / 18.00 h – Freiburg, Hochdorf
Mit dem ständigen Regen hatte Harkan nicht gerechnet, als er vor einer Woche nach seiner Flucht beschloss, sich im Wald zu verschanzen. Überhaupt hatte er nach drei Tagen keinen Cent mehr in der Tasche, da er ja sein Konto nicht benutzen konnte. Auf dem Weg durch St. Georgen hatte er in einem türkischen Lebensmittelbasar ein paar Vorräte gekauft. Doch die waren schnell aufgebraucht.
Er hatte genug. Das hier war nicht dasselbe wie damals mit seinem Großvater. Ganz und gar nicht. Am zweiten Tag hatte er sich am Stadtrand eine Zeitung besorgt und verfolgte die Suche nach dem flüchtigen Türken Harkan C.. Er war der Polizei entwischt, und anscheinend hatte keiner eine Ahnung, wo er sich aufhielt. Man rechnete damit, dass er die Stadt längst verlassen hatte.
Seit zwei Tagen war er nun bei einem Freund in Hochdorf untergekommen. Er saß in einer kleinen Blechbaracke am Rande des Autohofs und der Regen, der beständig auf das dünne Blechdach prasselte, raubte ihm den letzten Nerv. So konnte das nicht weitergehen – keinen weiteren Tag. Er hasste es, einfach so herumzusitzen und rein gar nichts tun zu können, während draußen jederzeit die Polizei auftauchen könnte.
Das Warten machte ihn wahnsinnig. Sieben Tage! Langsam musste etwas passieren, und zwar noch heute. Aber was sollte er machen? Am liebsten hätte er sofort das Land verlassen, aber ohne Bargeld und ohne falsche Papiere war das utopisch.
Das war’s – er brauchte Geld und Papiere. Lang genug hatte er herumgesessen und wertvolle Zeit verschwendet.
Harkan stand auf und blickte durch den breiten Spalt in der Tür. Keiner zu sehen, nichts zu hören. Es war schon spät und Abdul musste jeden Moment schließen. Den ganzen Tag war in Hochdorf auf dem Automarkt die Hölle los. Türken, Albaner, Libanesen und Afrikaner. Alles drehte sich um Geld und Autos. Ankaufen, verkaufen, feilschen, diskutieren, betrügen und betrogen werden. Schwarzer Tee, Zigaretten, hin und wieder Drogendeals – jedoch in kleinen Mengen. Ein Deutscher verirrte sich selten hier raus. Die wenigsten wussten überhaupt von diesem Markt, und hätten sie es gewusst, dann wären sie trotzdem nicht gekommen. Sie hatten Angst. Sie verstanden die Mentalität nicht und waren gar nicht in der Lage, ein Verhandlungsgefecht zu führen. Wenn gefeilscht wird, dann geht es eben auch mal lauter und etwas hektischer zu. Wer sich durchsetzen will, der muß sich auch bemerkbar machen. Damit kannte sich Harkan gut aus.
Er hörte Schritte.
„Harkan! Ich hab das Tor zu. Komm rüber, trink einen Tee und iss etwas!“
Harkan und Abdul saßen im Bürocontainer und schwiegen, während Harkan etwas zu sich nahm.
„Zigarette?“ Abdul hielt ihm ein Päckchen Zigaretten hin.
Harkan wischte sich den Mund mit einer Papierserviette ab, nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an.
„Danke.“
Er sog den Rauch tief ein und lehnte sich zurück.
„Du siehst nicht gut aus Harkan – es muß etwas passieren. Du solltest die Stadt verlassen. Ich kann dich nicht lange hier behalten – das ist zu gefährlich. Ich werde einen Freund fragen, ob er dir neue Papiere besorgen kann. Das ist kompliziert, weil das über mehrere Leute läuft, aber wir werden sehen – so Gott will.“
Harkan schwieg weiter und klopfte mit den Fingerkuppen auf dem Tisch herum. Er war angespannt.
„Ich komme an kein Geld.“, sagte er schließlich. „Ich brauche auch Geld, um das Land zu verlassen.“ Abdul sah in scharf an.
„Ich werde sehen, was ich für dich machen kann. Heute kommst du erstmal mit zu mir. Du kannst nicht immer in diesem Schuppen sein. Bei mir Zuhause kannst du dich waschen und fernsehen, bis sich etwas ergeben hat.“
„Ich danke dir, mein Bruder!“ Harkan machte gleich einen motivierteren Eindruck. „Ein Bad kann ich gebrauchen.“
Jorg - 19. März 2012 / 20.00 h – Vörstetten
Jorg saß an seinem Schreibtisch und schrieb einem Artikel. Seine Hände lagen unruhig auf der Tastatur, als er aus dem Fenster heraus nach Westen blickend dicke schwarze Wolken am schon fast dunklen Himmel sah. Ein kühler Wind kam auf.
„Endlich etwas Abkühlung,“ dachte er.
Das angesagte Atlantiktief kam früher als vorhergesagt. Jorg konzentrierte sich wieder auf seinen Artikel.
„Jorg? Jorg!“ Jemand rief von draußen seinen Namen. Er schaute aus dem Fenster, da es aber mittlerweile zu dunkel war, konnte er nichts erkennen. Er stand auf und ging vor die Tür. Seine Augen waren noch immer vom Licht des LCD-Bildschirms geblendet und brauchten eine Weile, bis sie sich an die Finsternis gewöhnten.
„Jorg! Komm schon!“
Langsam ging er die Stufen hinab und folgte der Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Er konnte sich allerdings nicht erinnern, wo er sie zuvor gehört hatte. Er ging hinaus in den Wald, folgte einer intuitiven Spur und lauschte. Stille. Langsam ging er weiter. Der Mond schien hell am Himmel, so dass er mühelos einen Weg durch's Unterholz fand. Nach einiger Zeit erkannte er, wo er war. Dies war nicht mehr sein Wald – nicht der Wald, in dem er sich eigentlich hätte befinden müssen. Er kreuzte einen Weg, folgte ihm nach links und zweihundert Meter später nach rechts.
„Jorg – wir haben nicht ewig Zeit. Komm schon!“
Jetzt führte der Weg etwas bergauf, was in der March gar nicht möglich wäre, und endete an einer weiteren Kreuzung. Es war still und die Luft klar und kühl. Er bog noch einmal nach links ab und sah nach wenigen Schritten auf der rechten Seite gewaltige Eichen wie Hochhäuser aus dem Boden in schwindelnde Höhe ragen. Er lächelte. Die Stämme hatten Durchmesser von acht bis zwölf Metern. An ihrer Außenseite führten Wege hinauf in die Krone, die sich wie Wendeltreppen an die Bäume schmiegten. Wie selbstverständlich ging er auf die Größte der Eichen zu und gelangte über ihren merkwürdigen Aufgang in die gewaltige Krone, die zwischen der weitausladenden Verästelung eine Fläche für einen Tennisplatz geboten hätte. An den Außenseiten dieser Plattform waren emsige Leute damit beschäftigt, mit beachtlichen Hebeln eine Art Mechanik zu steuern, deren Sinn sich Jorg jedoch nicht offenbarte. Als er die Ebene betrat, drehten sich vereinzelt Leute zu ihm um und begrüßten ihn freudig. Jorg schüttelte Hände und erzählte Geschichten. Man erkundigte sich nach seinem Befinden und den Neuigkeiten vom Erdboden. In der Mitte der kolossalen Baumkrone leuchtete ein Licht wie durch ein Tor. Jorg hielt darauf zu und verschwand darin.
Stille.
Plötzlich zerschnitt ein scharfer Ton den weiten Raum und riss das Bild in tausend gleißende Teile. Jorg tauchte wieder auf und hielt sich die Hand vor die geblendeten Augen. Was war das? Als er die Augen wieder öffnete, sah er in den Monitor seines Laptops. Draußen im Flur schrillte das Warnsignal des Solarbatteriewächters. Er sprang auf, ging hinüber und schaltete das Signal ab. Völlig verstört und verschlafen erinnerte er sich an das gerade im Traum Erlebte, setzte sich in seinen Schreibtischstuhl und dachte voller Entsetzen: Die Flut kommt.
Am 22. März liefen die ersten Auffangbecken über.
Kapitel 2
Die außergewöhnlichen Wetterphänomene gaben der Wissenschaft Rätsel auf. Als sich in Deutschland der tropische Nieselregen in eine massive Schlechtwetterfront verwandelte, hing über den USA schon seit längerem ein ähnliches Tief und brachte dort Überflutungen und schwere Stürme. Die amerikanischen Meteorologen warnten vor einer weiteren Verschlechterung des Wetters und das weiße Haus bereitete sich auf den Ausnahmezustand vor. Auch in Südostasien war man besorgt. Sturmfluten kündigten sich an und man plante großflächige Evakuierungen der Küstengebiete. In der Nacht vom neunzehnten auf den zwanzigsten März brachte das gewaltige Tief über Europa den unvorstellbaren Regen. Der Himmel verdunkelte sich und schüttete ungeheure Wassermassen aus.
Unter Freiburg –wie auch unter allen anderen Städten Deutschlands– führten die Abwasserkanäle an großen Auffangbecken vorbei, so dass die Kanäle sich entladen konnten, sobald das Fassungsvolumen überschritten wurde. Von diesen Becken aus wurde das Wasser mit Pumpen in Sickerareale und umlaufende Flussläufe gepumpt, um ein Verstopfen der Kanäle zu verhindern. Die Hauptmenge des Regenwassers lief in einen weiteren, durchaus größeren Kanal, der nach Basel führte. Die Pumpen der Auffangbecken liefen schon seit sechsunddreißig Stunden auf Hochtouren und die Betreiber schoben Überstunden.
Die Auffangbecken lagen etwa zwei bis drei Meter unter dem Höchstwasserspiegel der Kanäle. Wenn der Pegel des Abwassers seinen Höchstpunkt überschritt, lief das Wasser, wenn es ein Auffangbecken passierte, automatisch in dieses ab und der Wasserstand in den Kanälen blieb stabil. Wenn dann die Auffangbecken einen bestimmten Wasserstandspegel erreichten, setzte sich durch einen Schwimmer –wie in einem Toilettenspülkasten– eine Pumpe in Gang, die das eingelaufene Wasser aus dem Becken pumpte. Der Nachteil dieser Systemen bestand darin, dass das Wasser, nachdem es durch die städtischen Kanäle geflossen war, eine Suppe von Fäkalien, Toilettenpapieren, Binden, Tampons und anderem Unrat darstellte. Nicht nur das Regenwasser, welches durch die Gullydeckel der Straßen rann, sondern auch der Schmutz, der von den Haushalten der Bewohner kam, schwamm jetzt in den Flüssen und drohte, in den nächsten vierundzwanzig Stunden Äcker und Wiesen sowie Städte und Straßen zu überschwemmen und in kürzester Zeit Krankheiten und Seuchen zu verbreiten.
In Norddeutschland war das Hochwasser schon eingetroffen. Zwar kannte man sich in den gefährdeten Gebieten mit solcherlei Problemen schon aus, aber man bereitete sich auf das Schlimmste vor. Die Meteorologen versicherten, dass der Regen nicht so schnell zum Erliegen kommen würde und errechneten eifrig mögliche Klimaveränderungen, um sich auf deren Auswirkungen vorzubereiten.
In Südniedersachsen traten die Flüsse über die Ufer. Straßen wurden gesperrt, die zuvor von Schlammlawinen überrollt wurden, Keller liefen voll und etliche Menschen mussten Zuflucht auf höher gelegenen Stellen suchen, da ihre Häuser nicht mehr bewohnbar waren.
In Osterode waren über 800 Einsatzkräfte damit beschäftigt, Wasserschäden zu beseitigen und scheinbar sinnlos Keller auszupumpen. Erst hoben sich die Kanaldeckel durch die ungeheuren Wassermengen und wenig später waren diese schon nicht mehr zu sehen. Das Wasser stieg schnell und mit einer ungeheuren Kraft, der keiner ernsthaft etwas entgegenzusetzen hatte. In Göttingen und Hildesheim war das Schauspiel ähnlich. Und das war nur der Anfang.
Bis zu zweihundert Liter Regen fielen in Schleswig-Holstein auf den Quadratmeter. Die Feuerwehr stand vor einem unlösbaren Problem: die Notrufzentralen nahmen stündlich bis zu dreihundert Anrufe entgegen, konnten aber lange nicht so viele Einsatzkräfte aufbringen, wie benötigt wurden. So blieb der Bevölkerung in den zuerst betroffenen ländlichen Regionen nichts anderes übrig, als dem Spektakel mit Entsetzen zuzusehen.
Seit Tagen liefen Evakuierungen, Rettungsaktionen, Hochwasserschutz und Vorbereitungen für den größten globalen Ausnahmezustand der Geschichte der Menschheit weltweit auf Höchsttouren. Springfluten und Hochwasser verwüsteten Asien. In den Gebirgen drohten ganze Berge abzurutschen, Täler liefen voll und wurden von Geröll und Schlammlawinen heimgesucht, Menschen hungerten, froren und erkrankten an verseuchtem Trinkwasser. Die Gebiete, die noch nicht vom Hochwasser erfasst wurden, waren damit beschäftigt, für Flüchtende Unterkünfte bereitzustellen und das steigende Wasser, so weit es eben ging, einzudämmen.
Das Brackige und nach Fäulnis riechende Wasser fand seinen Weg überall hin. Was als kleines Rinnsal begann, wurde rasch größer und glich nach kurzer Zeit einem reißenden Fluß, der alles mit sich riß, was Auftrieb hatte und nicht fest im Boden verankert war. Autos trieben in den Fluten, Müll schwamm im verschmutzten Wasser, tote Ratten und ertrunkene Kühe und Schafe. Entwurzelte Baumstämme rammten Häuser und stauten, was sich in ihnen verfing. Das Trinkwasser verwandelte sich in eine ungenießbare Brühe, der Strom viel aus, Menschen saßen auf ihren Dächern und hofften darauf, dass jemand mit einem Boot oder Hubschrauber käme, um sie zu retten. All das geschah, während es unaufhaltsam regnete.
In Freiburg verfolgte man das Geschehen mit ernster Miene. Die Dreisam verwandelte sich vom beschaulichen Fluss zum reißenden Strom, was allerdings noch nicht die Stadt gefährdete. Die Bächle, welche sonst durch die Freiburger Innenstadt plätscherten, wurden von der üblichen Wasserzufuhr durch die Dreisam gesperrt, um die Regenmassen in den Straßen besser ableiten zu können.
*
Das Publikum grölte, als der Mann, den sie für seine außergewöhnliche Berichterstattung liebten, in eine Schwimmweste gekleidet und mit einem Regenschirm in der Rechten, auf, statt hinter seinem Schreibtisch saß und amüsiert grinste.
Der Applaus erlosch.
„Wenn auch Sie trockene Füße behalten wollen, liebe Zuschauer, dann wird es langsam Zeit, an ihrem Arbeitsplatz umzudenken.“
Auf einer Leinwand im Hintergrund erschien eine Fotomontage, die den Umweltminister zeigte, der mit einem Quietscheentchen-Schwimmring um den Bauch vor dem Podium im Bundestag schwamm und dabei eine recht hilflose und unglückliche Figur abgab. Lauter Applaus im Publikum. Der Moderator lachte.
„Ja, meine Damen und Herren, jeder kriegt das, was er verdient – ABER – kommen wir zu Wichtigerem.“ Er machte eine kurze Pause und legte eine strenge Miene auf. „Soeben erreichte uns eine ernste Nachricht.“
Stille im Saal.
Er senkte den Kopf und wartete auf den Höhepunkt der Konzentration.
„Uns erreichte soeben die Meldung, dass im Herzen unserer geliebten Stadt der Notstand nicht mehr aufzuhalten ist. Das Hochwasser, dass der Kölner Altstadt derzeit ernsthafte Schwierigkeit bereitet, hat ein Opfer gefordert. Nun ist anzunehmen, dass Köln innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden dem Hungertod nicht mehr entkommen wird.“
Auf der großen Leinwand sah man wie mehrere Kartons mit Dönerfladen von der Strömung des Hochwassers davongetrieben wurden.
Leises Lachen aus den hintersten Reihen.
„ABER – “, mischte er sich zwischen den Applaus, während hinter ihm auf der Leinwand der Kadaver einer toten Kuh in einer weiteren Strömung trieb, „der Nachschub an Dönerfleisch ist bereits auf dem Weg.“
Lauter Applaus - ein Tusch ertönte von der Showband.
„JA!“, rief er laut, und wiederum bebte der Saal vor Lachen und begeistertem Applaus. „Wir müssen umdenken, womit ich auch schon beim nächsten Thema bin: New York –sehr verehrte Zuschauer– New York erlebt seine letzten Tage. Wie die Deutsche-Presse-Agentur heute Mittag mitteilte, drohen die New Yorker U-Bahn-Schächte und die darunterliegenden Abwassersysteme wegen der Überflutung in sich zusammenzubrechen und die gesamte Stadt in die Tiefe zu reißen. Der Bürgermeister von New York sucht daher dringend nach Verbündeten, die seine Stadt im Ernstfall aus der Gosse ziehen.“
Ein weiterer Tusch hinterlegte das erneute Gelächter.
Joos schaltete den Fernseher ab.
„Was soll man davon halten?“ Franz schmatzte hinter seiner Pfeife. „Ich enthalte mich der öffentlichen Meinung.“ Draußen regnete es in Strömen. „Wo wohl Stefan bleibt? Er wollte schon längst hier sein.“ Joos machte ein besorgtes Gesicht. Sein Sohn war am Mittag in die Stadt gefahren, um weitere Vorräte zu beschaffen. Die Straßen hatten sich trotz des Asphalts in Schlamm verwandelt, da durch den Regen ständig neues Erdreich abrutschte und auf den Wegen liegen blieb. „Wahrscheinlich sitzt er im Löwen – bei dem Wetter.“, sagte Franz. „Wer weiß, ob man mit dem Allrad überhaupt noch hochkommt.“ „Ich werd morgen bestimmt nochmal mit dem Räumwagen ran müssen. Wahrscheinlich dringender als gestern.“
Drei Stunden zuvor fuhr Stefan von Neustadt her den Schauinsland rauf. Der Regen schüttete vom Himmel, so dass er kaum zehn Meter weit durch die Windschutzscheibe sehen konnte. Die Scheibenwischer liefen auf höchster Stufe, aber er hatte den Eindruck, dass er sie auch ausgeschaltet lassen könnte. Er war in Freiburg gewesen und hatte ganze vier Stunden die lange Einkaufsliste abgearbeitet, die gewährleisten sollte, dass seine Mutter oder er bei dem zunehmenden Regen nicht allzu oft in die Stadt fahren müssten. Der Allrad war bis unter's Dach beladen mit allem, was man in den nächsten Wochen bräuchte. Es war kälter geworden, was Stefan nicht besonders glücklich machte: er hatte sich an das warme Klima gewöhnt.
Er fuhr vielleicht mit gerade mal fünfundzwanzig Stundenkilometern die Straße hoch, aber hier auf dem unbefestigten Weg vierhundert Meter unterhalb des Hofes kam er kaum noch voran. Er musste sich wirklich Mühe geben, die Straße überhaupt zu sehen, welche jetzt am Abend noch stärker von Schlamm und Geröll verschüttet war als am Mittag. Langsam fuhr er Meter für Meter die schmale Straße den Hang hinauf und fluchte nicht selten, da der Allrad längst an seine Grenzen stieß. Die Reifen rutschten seitlich weg, und der eine oder andere Felsbrocken schaukelte den Wagen ordentlich durch. Plötzlich gab es einen Ruck unter ihm. Stefan riss das Lenkrad rum. Langsam kippte der Allrad nach links weg und es gab einen weiteren starker Ruck.
Noch bevor ihm klar wurde, was da vor sich ging, drehte sich der Wagen seitlich, überschlug sich mehrere Male und kam dann mit einem Ächzen einige Meter tiefer vor einem Baum zum Stillstand. Stefan stand mit den Füßen auf der Beifahrertür und sah vor sich Schlamm und Geröll am Wagen vorbeiziehen. Sein Herz schlug wie wild. Die Straße war einfach unter ihm weggebrochen und hatte den Wagen mit sich gerissen. Sofort öffnete er die Fahrertür wie eine Dachluke und machte sich von außen ein Bild der Situation. Ungläubig starrte er auf das Loch oberhalb in der Straße. Der Erdrutsch war zur Ruhe gekommen, und im strömenden Regen erschien ihm die Situation noch unwirklicher. Er schloss die Tür, klettere in den hinteren Teil des Wagens und versicherte sich, daß die wertvolle Fracht keinen Schaden nehmen würde. Bis er zu Fuß daheim und wieder zurück wäre, würde es schon zu dunkel sein, um den Wagen zu bergen. Er zog seine Jacke zu und machte sich auf einen anstrengenden Weg gefasst. Es war bei den Verhältnissen nicht ganz ungefährlich, den Hof zu Fuß zu erreichen. Bäume stürzten vom Regen freigespült um und weitere Geröll- und Schlammlawinen waren ebenfalls denkbar. Es half nichts. Irgendwie musste er Heim kommen.
*
In den nächsten zwei bis drei Wochen brachen nach und nach sämtliche Versorgungsnetze zusammen. Das Hochwasser stieg, obdachlose Menschen flüchteten in höher gelegene Regionen, von denen sich nur wenige als wirklich sicher herausstellten. Der beständige Regen weichte die Böden auf und spülte sie davon. Ebenso tausende von Flüchtlingen, die in den Bergen Schutz suchten.
Die Bundesregierung stellte spezielle Einsatztruppen zusammen, die das Schlimmste verhindern sollten. Bundeswehr, THW, Feuerwehr, Polizei, Pfadfinder, Schul- und Bürgerinitiativen waren rund um die Uhr im Einsatz, um dem Wasser Einhalt zu gebieten und Obdachlosen und Verletzten jede mögliche Hilfe zukommen zu lassen.
Das größte Problem stellten Öl, Benzin, Diesel und Chemikalien dar. Um weitere Hilfsaktionen mit Booten und Einsatzfahrzeugen der Bundeswehr und des THW zu gewährleisten, musste man in erster Linie die Treibstoffreserven sichern. Bundesweit wurden Tankstellen und Treibstoffdepots gesichert und teilweise technisch umfunktioniert, so daß man unabhängig von der Stromversorgung an die wichtigen Ressourcen herankam. Unvorstellbar, welchen enormen Aufwand man betrieb, um die Industrie vor dem Austritt gefährlicher Stoffe zu bewahren, die sich über das steigende Wasser verbreitet hätten, wäre man dem nicht zuvorgekommen, indem man Tanks und Leitungen verschloss, Abflüsse versiegelte und besonders gefährliche Lager hermetisch abriegelte, indem man sämtliche Ein- und Ausgänge zumauerte.
Die Gewissheit, das der Regen nicht aufzuhalten war, löste eine bis dahin undenkbare Reaktion bei der Regierung aus. Wo man sonst unbeeindruckt wegsah, wurde jetzt unbürokratisch eingegriffen. Man hatte nichts mehr zu verlieren – hier ging es nicht mehr um Dinge, die nebensächlich waren. Es ging um das nackte Überleben und um die Zukunft nach dem Regen. Es wurden Krisenpläne entwickelt und mit Hilfe von Sonderbeauftragten und Bürgermeistern bundesweit umgesetzt. Jeder, der dazu in der Lage war, packte mit an. Viele hatten nichts mehr, wo sie sich hätten verkriechen können. Also versuchten sie gemeinsam, wenigstens ihre Allerwertesten und die Zukunft des Landes zu retten. Keiner rechnete je mit so einer Katastrophe, daher fehlte es überall an Mitteln, dem Regen entgegenzuwirken und dem Hochwasser zu trotzen.
Der Großteil der Bevölkerung saß in den eigenen vier Wänden fest oder aber in völlig überfüllten Unterkünften. Nicht jeder konnte helfen, und daher erging es den meisten weitaus schlimmer als denen, die sich in Matsch und Schlamm die Füße abfroren und unermüdlich gegen die Flut kämpften. Nur dazusitzen und auf die neuesten Meldungen im Radio zu warten, war unerträglich. Die Zeit kroch. Entbehrungen machten sich bemerkbar. Es war kalt, das Trinkwasser wurde knapp, das Essen spartanisch. Kein Strom, kein Internet, keine funktionierenden Handys, Angst vor dem Morgen. Ungewissheit und Verzweiflung machten sich breit.
*
Freiburger Münster – 3. April 2012
In Freiburg gab es ein Problem, welches in all den Jahrhunderten der Architekturgeschichte noch nie zuvor auftauchte. Ein Mitarbeiter der Münsterbauhütte lief am Rande der Dächer des Freiburger Münster seinen Kontrollgang, um die Abflüsse der breiten Regenrinnen zu begutachten. Die Regenablaufrinnen des historischen Baus waren im Vergleich zu normalen so breit und tief, dass man darin rings um das gotische Dach herumlaufen konnte. Dieser Tage allerdings musste man hohe Gummistiefel tragen und darauf achten, dass man in dem beachtlichen Rinnsal nicht ausrutschte.
Enorme Wassermengen strömten von den Dächern herab und die Abläufe waren dem Regen nicht gewachsen und liefen über. Es war mühsam und gefährlich, sich durch die Regenrinnen zu bewegen. Das Wasser strömte mit solcher Kraft von den Dächern, dass es dem armen Mann von oben in die Stiefel lief. Er fluchte. Sein Blick fiel auf die Fugen des Sandsteins oberhalb der Blechverkleidung, wo das Wasser überlief. Die Fugen waren mit Blei ausgegossen, damit sie vom Regen nicht beschädigt wurden, nun fand das Wasser seinen Weg über den Rand hinaus und lief die Außenwände herab.
Er schaute über das Geländer nach unten. Was er dort sah, ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen.
Der ständige Regen und das zusätzliche Wasser von den Dächern hatten angefangen, den Mörtel aus den Fugen zu schwemmen. Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche und drückte die Spitze in die schmale Fuge. Der Mörtel gab nach und ließ den Schlüssel darin verschwinden. Als er den Schlüssel wieder herauszog, schwemmte das Wasser den Mörtel die gesamten Steinlänge heraus.
„Oh mein Gott!“, dachte er und sah entsetzt, wie immer mehr Mörtel tief aus der Fuge die Außenwand hinunterlief. Plötzlich bekam er weiche Knie und begab sich umgehend vom Dach, um der Dombaumeisterin so schnell wie möglich von der Katastrophe zu berichten.
Zwei Stunden später wimmelte es rund um das Münster nur so von Steinmetzen, Gutachtern und anderen Leuten.
Im Laufe der letzten drei Regenwochen hatten die Fugen des Sandsteinbaus nach und nach das Wasser aufgesogen und fingen nun an, in kleinen Lehmrinnsalen auszulaufen. Wenn die Verfugung instabil würde, könnte der gesamte Bau in sich zusammenbrechen. Die Dombaumeisterin stand auf einem Gerüst und war leichenblass. Was sollte sie jetzt tun? Ihr Münster könnte in sich zusammenfallen. Die Arbeit von Jahrhunderten wäre zunichte.
Damit hatte keiner der unzähligen Architekten, die seit Jahrhunderten an diesem Gebäude arbeiteten, je gerechnet. Dieser verfluchte Regen!
Noch am selben Nachmittag traf sie sich mit Zuständigen der Stadtverwaltung und des bischöflichen Ordinariats. Man beschloss, die Wasserabfuhr der Regenrinnen durch starke Pumpen und zusätzliche Abläufe zu unterstützen und so schnell wie möglich ein provisorisches Dach über dem eigentlichen zu errichten, so dass weiterer Regen gar nicht erst mit dem Bau in Berührung käme. In der Nacht fluteten Scheinwerfer das Münster in helles Licht, während verschiedene Unternehmen bemüht waren, das Wahrzeichen Freiburgs zu retten. Am nächsten Nachmittag bedeckte ein Foliendach den Großteil des Münsters - so weit so gut. Doch nun galt es herauszufinden, wie groß der bereits entstandene Schaden war und vor allem, ob die Statik des Münsters durch die aufgeweichten Mauerfugen instabil geworden war.
Jorg und Kranz - 4. April 2012 / 14.00 h – Vörstetten bei Freiburg
Vierzehn Tage stand Kranz nun mit seinem Wohnmobil bei Jorg in der March.
Als der große Regen begann, schwemmte er die befestigten Waldwege dermaßen auf, so dass es ihm seither unmöglich, war den Wald zu verlassen. Vor zehn Tagen versuchte er es. Nachdem der Wagen kaum zwanzig Meter weit gefahren war, war er trotz des stark verdichteten Bodens im Matsch steckengeblieben. Beim Versuch, den Wagen mit etwas mehr Gas von der Stelle zu bewegen, hatte er sich immer tiefer in die Erde gegraben, bis schließlich die Antriebsachse im Schlamm versunken war. Um den Wagen in nächster Zeit nutzen zu können, rief Kranz einen Bekannten an, der ein kleines Abschleppunternehmen hatte. Der war gerade mal drei Kilometer von Jorg entfernt nach vierzig Metern Waldweg ebenfalls steckengeblieben und musste sich dann mit der Seilwinde selbst in Richtung Straße schleppen. Kranz richtete sich also auf eine Zeit in der March ein, was nicht weiter schlimm war, denn er hatte sein „Haus“ ja dabei.
Mittlerweile war der Waldboden in der March bis auf wenige Zentimeter unter der Oberfläche mit Wasser gesättigt, so dass man bei jedem Schritt über den anscheinlich festen Waldboden im Morast versank. Die March war es gewohnt, mit solchen Wassermengen umzugehen, war sie doch früher oft vom Rheinwasser heimgesucht worden und zählte zu den Auwäldern. Jorg und Kranz hatten sich mittlerweile schon auf eine längere Abgeschiedenheit und die entstandenen Engpässe eingerichtet. Der Vorrat reichte bis zu zwölf Wochen und war mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten gespickt.
Sie verfolgten seit Tagen alle Informationen über die weltweiten Unwetter. Mittlerweile waren schätzungsweise sechs Millionen Menschen um's Leben gekommen. Ertrunken, verschüttet und –neuerdings– von Blitzen erschlagen. In Südostasien wüteten seit zwei Tagen ungeheuerliche Gewitter. Jakarta wurde in einer Minute von sage und schreibe zweihundert Blitzen attackiert, die alle bisher bekannten Formen übertrafen. Man taufte sie Big Thunders. Jakarta glich nach nur einem Tag einer Ruinenstadt. Ruinen und Tote, wo die Kamera hinschwenkte. Die Anzahl der Toten und Verletzten konnte noch nicht bekanntgegeben werden.
Deutsche Meteorologen befürchteten nun auch in Europa ein solches Inferno. Zunächst standen die Wetterfrösche vor einem neuartigen Problem, als es hieß, aus dieser schwarzen Masse am Himmel irgendwelche Prognosen zu erstellen. Als man sich dann aber die Satellitenbilder und Wetterdaten von Südostasien vornahm, fanden sie zu ihrem Entsetzen heraus, dass Europa in Kürze ein ähnliches Schicksal erwartete.
Jorg und Kranz saßen bei heißem Tee in der Stube und lauschten dem Radio.
„Wahnsinn.“ Kranz sog den heißen Dampf des Tees ein und schüttelte mit ernster Miene den Kopf. „Ich meine, ...“. „Psst!“ Jorg hob eine Hand. „ ... Sondermeldung! Die Bundesregierung verhängte soeben den Ausnahmezustand. Aufgrund der sich verschlechternden Wetterlage sind alle Bürger aufgerufen, sich innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden in den umliegenden Schutzräumen einzufinden. Es handelt sich dabei um eine Vorsichtsmaßnahme. Meteorologen sagen für die kommenden Tage eine äußerst bedrohlichen Gewitterfront für ganz Europa vorher. Wenden sie sich für Anweisungen und Informationen an öffentliche Stellen wie Bürgerämter, Polizei, und Feuerwehr, oder rufen sie kostenlos die Nummer 0180 / 222555 an!“
Jorg war schon während der Meldung aufgestanden und lief angestrengt im Kreis.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Kranz. Jorg blieb stehen und starrte Kranz an. „Jetzt wird’s heiß. Schauen wir, wie wir unsere Ärsche retten!“ „Jo, dann aber mal los! Wir haben mindestens vierundzwanzig Stunden. Wenn uns das gleiche wiederfährt wie den Asiaten, dann gut Nacht. Dann brauchen wir so was wie einen Faradayschen Käfig.“ Jorg nickte. „Aber erstmal brauch' ich eine Zigarette.“
Jorg hatte hinter dem Werkzeugschuppen einen ordentlichen Stapel 40mm H-Träger. Ein Bekannter hatte nicht gewusst, wohin damit. Jetzt begriff Jorg, wofür er sie jahrelang hier rumliegen hatte. Die Bilder der Berichterstatter aus Indonesien ließen ernsthafte Zweifel zu, ob ein gewöhnlicher Blitzableiter überhaupt ausreichen würde. Also gruben Jorg und Kranz an jeder Außenseite der Hütte im Abstand von einem Meter drei der Stahlträger senkrecht im Boden ein und verbanden sie so miteinander, als wollten sie ein Stahlgerüst um das Haus bauen. Das Gas für den Schweißapparat reichte auch noch für einen Vorbau, der ihnen gestattete, auch vor dem Haus sicher zu sein.
Über das steigende Grundwasser machte Jorg sich keine Sorgen. Er hatte sein Haus damals auf vierzig Zentimeter hohe Stelzen gebaut, da die March im Extremfalle ja stark hochwassergefährdet war. Jedoch führte die Rheinebene das Wasser hervorragend ab und der Auwaldboden konnte eine Menge schlucken. Dass das Grundwasser bis an die Bodenoberfläche stieg, damit konnte man leben. Auch den Bäumen machte das wenig – sie wuchsen schon seit Urzeiten auf diesem Boden und hatten reichlich Halt.
Am nächsten Nachmittag war das Werk getan. Ein gigantischer Blitzableiter umgab Jorgs Domizil. Das Gewitter konnte kommen. Jorg und Kranz wirkten gefasst und auf alles vorbereitet. Sie zogen sich in's Haus zurück, um ihr Tagwerk zu begießen.
Freiburg Innenstadt – 5. April 2012
Das Leben in Freiburg nahm seinen gewohnten Lauf, wenn man mal davon absah, dass die Stadt einem Wasserspiel glich und die Bevölkerung sich auf eine Evakuierung vorbereitete. Die Straßen waren leicht überschwemmt, was aber eher durch den Regen, als durch das Hochwasser zustande kam. Wasserfälle strömten von den Dächern, deren Regenrinnen den Wassermassen, wie auch am Münster, nicht gewachsen waren. Schirme drängten dicht aneinander vorbei, hastig und geschäftig eilten die Menschen von Geschäft zu Geschäft, um in den notdürftig betriebenen und versorgten Läden das Nötigste vor der Evakuierung zu besorgen. An diesem Nachmittag würden die Geschäfte um siebzehn Uhr schließen und bis zur Aufhebung des Ausnahmezustands geschlossen bleiben.
Schon jetzt drängten sich lange Schlangen vor den Toren des Schlossbergbunkers.
Der Schlossberg im Osten der Freiburger Innenstadt wurde schon seit dem Mittelalter mit Vorliebe unterkellert. Stollen führten aus der Altstadt bis in den Berg. Im dritten Reich suchte man in ihm nach dem legendären Nibelungengold. So kam es, daß man vor einem halben Jahrhundert aus dem durchtunnelten System einen ernsthaften Nutzen zog: eine Zivilschutzanlage.
Man verstärkte die Tunnel, indem man ihre Wände mit Beton verputzte, und richtete zwischen verschiedenen Segmenten und Etagen Schleusen ein, die im Ernstfall das Schlimmste draußen halten sollten. Das Dach über den Köpfen der Insassen war wie geschaffen dafür, Bombenhagel und Sonstiges abzuwehren, da immerhin ein ganzer Berg über den Schutzräumen ruhte. Nach der Sanierung in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verschloss man viele Stollen, da sie nicht von Nutzen waren und eher zur Gefahr werden könnten. Diese Schächte gerieten so über die Jahre hinweg in Vergessenheit.
Am Nachmittag wurden die Parkhäuser und Tiefgaragen geräumt. Auch dort fanden sich, mit dem Nötigsten bepackt, die ersten Bürger ein, während die Anlagen von Bundeswehr und THW mit Feldbetten und Lebensmitteln bestückt wurden.
Zwei Drittel der Freiburger Bevölkerung fand auf diese Weise einen scheinbar sicheren Platz, um dort das Gewitter zu überdauern. Ein Teil der Einwohner blieb in ihren Häusern und verbarrikadierte sich, auf das Schlimmste gefasst, in den eigenen vier Wänden.
Am selben Abend waren die Schutzräume überfüllt und die Straßen leer. Am Horizont hörte man ein tiefes Grollen.
Familie Bergmann & Franz - 5. April 2012 / 20.00 h – Schauinsland
Stefan hatte mit Hilfe seines Vaters den Jeep samt Fracht am Morgen nach dem Erdrutsch bergen können. Bis auf eine Delle in der Fahrertür war der Wagen soweit o.k.. Auch jetzt fiel der Regen in unermüdlichen Strömen. Joos saß mit seiner Familie und Franz in der geheizten Stube und spielte mit ihnen Karten.
„Ha! Mau mau …” Stefan verzog das Gesicht. „Die dritte Runde ... das kann doch gar nicht wahr sein!“ „Und ob, mein Sohn.“
Plötzlich –mit ohrenbetäubendem Knall– wurde es taghell und der Boden schien zu beben. Joos fand sich unter dem Tisch wieder, wo er auch Rebekka erblickte. Sie schrie.
„Herrgottzack! Was war das?“ Joos schaute über die Tischkante. Stefan war leichenblass. Franz stand vom Tisch auf und ging zur Terrassentür.
„Ist es vorbei?“, fragte Rebekka. „Kommt noch einer?“
Joos zog seine Frau an sich und sie gingen ebenfalls zur Terrasse, um nach draußen zu sehen.
Stefan schauerte es.
„So hab ich mir das nicht vorgestellt. Mal im Ernst: wenn davon mehrere in der Minute runterkommen, dann war’s das. Nicht auszudenken!“
Draußen war es stockdunkel. Joos schaltete die Außenbeleuchtung ein. Dicke Nebelschwaden wurden sichtbar, durch die nur der Regen drang.
„Joos! Schnell! Es brennt im Schopf!“ Franz rief von der anderen Seite der Terrasse rüber und lief dann zum Schopf. Joos rannte, so schnell es ging. Franz hatte schon die Tür aufgerissen. Joos lief an ihm vorbei in die Werkstadt, nahm den Feuerlöscher und war schon über die Leiter unter's Dach geklettert. Was er zu Gesicht bekam, war unglaublich. Im Dach, auf der anderen Seite der Werkstatt, war ein anderthalb Meter großes Loch. Aus einem zweiten Loch im Dielenboden zum Hühnerstall qualmte es gewaltig. Das Gebälk war zersplittert und dort, wo das Holz mit dem Blitz in Berührung kam, brannte es. Joos zog den Sicherungsstift aus dem Feuerlöscher und hielt drauf.
Nach zwei Minuten war der Brand gelöscht. Joos holte tief Luft und ließ den Feuerlöscher fallen. Er war wie versteinert. Kranz stand auf der Leiter und hatte ihn beobachtet. Er sah beunruhigt aus.
Einige Momente später saßen alle zusammen in der Stube und beratschlagten sich. Was, wenn das kommende Gewitter viele solcher Blitze mit sich bringt? Was sollten sie dann tun? Da fiel Franz der Blitzableiter ein: „Joos, ihr habt doch einen Blitzableiter am Schopf!“ „Das stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht. Warum in aller Welt schlug dann der Blitz durch das Dach?“ Joos stand auf, nahm eine Taschenlampe aus der Kommode und ging nach draußen.
Auf der Hinterseite des Schopfes fand er die Halterungen an der Wand, die eigentlich die Leitung hätten halten sollten. Diese Leitung war jedoch verschwunden. Alles, was von ihr geblieben war, war ein Loch im Boden, aus dem es qualmte. Joos begutachtete die Halterungen - sie waren noch warm. Der Blitz hatte die Leitung einfach aufgelöst. Wenn das Gewitter kam, dann war man nirgends sicher – das wurde ihm augenblicklich klar.
Er lief zurück Richtung Haus, um die schlechte Nachricht zu überbringen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, daß er bis auf die Haut durchnässt war. Der Regen und der Nebel waren so dicht, daß er kaum die Lichter in der Stube sehen konnte. Da kam der zweite Blitz.
Um dreiundzwanzig Uhr gab Franz den Hof auf. Der gesamte Schauinsland wurde so sehr von den Blitzeinschlägen attackiert, das er das Haus als zu unsicher empfand. Wo ein Blitz einschlug, blieb praktisch nichts mehr stehen. In dem Haus auf dem Berg hätten sie kaum eine Chance gehabt. Sie packten alles Nötige in die zwei Geländewägen und fuhren weiter runter ins Tal, um sich dort auf halber Höhe in einer Höhle zu verbarrikadieren, die schon seit drei Generationen der Familie als ruhiger Ort, geheimer Schlupfwinkel oder Bombenkeller diente. Letzteres wurde nie gebraucht. Jetzt war das anders.
Seit ungefähr einer Stunde hatten sich die Bergmanns nun in ihrer Höhle eingerichtet. Draußen schüttete der Regen und das Gewitter schien an den Grundfesten der Erde zu rütteln. Es war kalt und feucht, aber wenigstens waren sie hier sicher. In dieser Nacht sollte keiner einen ruhigen Schlaf finden.
Harkan - 5. April 2012 / 23.00 h – Freiburg, Hochdorf
Abdul war mit seiner Familie in den nächsten Schutzraum umgezogen. Seit zwei Wochen wartete Harkan jetzt schon auf seine neuen Papiere. Doch in Anbetracht der Lage glaubte er nicht daran, dass er sie je erhalten würde. Irgendwo im Schwarzwald donnerte und blitzte es, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Er machte sich Gedanken, ob er das überstehen würde. In die Schutzräume könnte er nicht gehen. Auch wenn die Bullen jetzt anderes zu tun hatten, er wurde gesucht. Im Stillen dachte er, es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn alles zunichte ginge. Es wäre seine Chance. Vor seinem geistigen Auge sah er all die in den Geschäften verschlossenen Waren und die menschenleeren Straßen. Keiner war jetzt da draußen – bis auf die Patrouillen von Rettungskräften, die nach dem Rechten sahen. „Zu riskant.“, beschloss er. Seine Zeit würde kommen.
Tanis - 6. April 2012 / 00.15 h – Freiburg Innenstadt
Tanis kam den Schlossberg hinunter und betrat gerade die Altstadt, als der erste Blitz einschlug. Sie hielt die Hände über den Kopf und rappelte sich wieder auf. Sie wusste, was auf sie zukam, denn seit drei Stunden hatte sie auf dem Schlossberg gestanden und von dort das Gewitter beobachtet, welches von Osten her auf die Stadt zurollte. Riesige Feuersäulen sah sie über dem Schwarzwald in die Erde schlagen – zornig und unberechenbar. Vor einer Viertelstunde spürte sie, wie sich die Luft auflud, und lief schnell hinunter in die Stadt.
Sie wollte sich nicht verkriechen wie all die anderen. Das war ihre Stadt. Und sie, Tanis, würde ihr beistehen.
Mittlerweile war sie auf dem Münsterplatz und begutachtete das riesige provisorische Dach, das die alten Mauern vor dem Regen bewahren sollte. Als ihr Blick wieder nach unten fiel, sah sie durch die Bleiverglasung des Münsters schwachen Kerzenschein. Der Regen prasselte und das Grollen des Gewitters hing drohend über ihr. Als sie zum Haupteingang lief, fand sie diesen verschlossen. Einige Menschen hatten sich vor dem Tor versammelt und im strömenden Regen gebetet. Tanis ging weiter um das Münster herum und fand einen der Seiteneingänge unverschlossen. Sie öffnete die Tür und ging hinein.
Als die Tür hinter ihr zufiel, schien das Unwetter wie ausgesperrt. Die Kirche war nur von Kerzen erleuchtet und strahlte eine Art Wärme aus. Es war ruhig bis auf den leisen Gesang von Mönchen, Schwestern und einigen zivil gekleideten Personen, die in den Reihen sangen. Tanis dachte an die Gläubigen vor der Pforte und konnte es kaum glauben. Mit festen Schritten ging sie vom Kreuzgang auf den Altar zu.
„Da draußen stehen Leute vor der Tür!“
Man sah ihr an, dass sie außer sich vor Wut war. „Ihr solltet sie herein lassen! Oder wollt ihr euch hier allein verkriechen und eure Brüder und Schwestern da draußen dem Gewitter überlassen. Sie beten – genau wie ihr.“
Der Gesang war vollständig erloschen, aber keiner regte sich.
„Was jetzt? Es sind vielleicht dreißig Menschen. Wollt ihr nicht zusammen mit ihnen beten?“
Da endlich gab der Bischof einem der Frommen aus der ersten Reihe ein Zeichen. Der Mann erhob sich und lief eilig vor zur Hauptpforte. Alle starrten Tanis an. Jeder konnte es sehen: sie war eine Esoterikerin, wie die Leute sagen würden. Eine, die sich nicht davor scheut, Gottes Gebote zu hinterfragen, und die sich für fremde Kulturen interessiert.
Die Tür wurde geöffnet und die Gläubigen kamen herein.
„Setz Dich doch zu uns!“, sagte der Bischof, dem man deutlich ansehen konnte, dass ihm in seiner Haut nicht sehr wohl war. Sie hatte Recht und er hatte sich blamiert. Wie konnte ihm das passieren? Er dachte nur an die Vorschriften: Aus Sicherheitsgründen keine Besucher. Allein dem engsten Kreis wurde der Zugang zum Gebet gewährt. Aber was spielte das in dieser Stunde der Wahrheit noch für eine Rolle? Das Mädchen hatte Recht – und ihm tat es leid.
Als alle ihre Plätze gefunden hatten, kehrte wieder Ruhe ein, und der Bischof fuhr mit seinen Gebeten fort.
Draußen schien die Welt unterzugehen. Blitze schlugen auf die Stadt ein und hinterließen Zerstörung und unzählige Brände. Wer jetzt nicht in den Schutzräumen saß und bangte, hatte sich in irgendeiner Ecke zusammengekauert und zählte die Sekunden zwischen den Blitzattacken. Vergebens. Seitdem das Gewitter begonnen hatte, wurden die Abstände immer kürzer. Um drei Uhr in der Nacht waren die Blitze kaum noch zu zählen.
Jorg und Kranz - 6. April 2012 / 01.00 h – Vörstetten bei Freiburg
Jorg und Kranz saßen auf der Veranda vor der Hütte und verfolgten fast gelassen das Herannahen der Gewitterfront. An diesem Abend tranken sie keinen Wein. Heißer Tee floss in die Tassen. Seit einer halben Stunde musste das Gewitter jetzt schon über Freiburg hängen. Der Nachthimmel flackerte in gleißendem Licht und der Donner ließ die Erde beben.
„Ein phantastisches Schauspiel. Wir hätten den Hochstand auch gewitterfest machen sollen.“
„Dafür ist es eindeutig zu spät!“
„Was meinst Du? Jeden Moment müsste das Gewitter hier sein.“
„Wenn du schon vom Teufel sprichst.“
Kranz grinste.
„Den Nachrichten zufolge brauchen wir uns auf jeden Fall nicht zu verkriechen. Sollte unser majestätischer Blitzableiter nicht funktionieren, dann sind wir drinnen auch nicht sicher.“
„Ob dein Bus wohl auch bei diesem Gewitter den physikalischen Gesetzen standhält?“
Kranz überlegte, während er einen weiteren Schluck aus der Tasse nahm.
„Wenn alles gut geht, werden wir’s herausfinden.“
Jorg stand auf, ging zum Rand der Veranda und begutachtete das Gestänge des Blitzableiters.
„Saubere Arbeit haben wir auf jeden Fall geleistet. Was ein simpler Blitzableiter nicht verkraftet, haben wir über die vielen Stützen zigfach überboten. Das hält!“
Kranz nickte.
„Ich denke auch. Und wir haben den Vorteil der Ruhe – abgesehen vom Donner. Ich möchte nicht mit den Leuten tauschen, die gerade in der Schlossberggarage hocken. Auch wenn die an den oberirdischen Schutzräumen die Blitzableiter verstärkt haben, die Schlossberggarage ist nicht wirklich geschlossen. Und da sitzen unzählbar viele Leute drin. Ist bestimmt keine gute Stimmung.“
„Stell dir das mal vor ... oder lieber nicht.“
Jetzt wurde es unglaublich hell und eine Sekunde später durchschnitt ein scharfer Donner die Luft, dass einem fast der Atem wegblieb.
„Wow!“ Kranz kam langsam wieder mit dem Oberkörper hoch. – „Der war nicht schlecht – war irgendwo direkt da hinten!“ Jorg ging wieder zurück zu seinem Platz. „Gleich wissen wir, ob der Stahl was taugt.“ „Ich wüsste gern, wie es der Innenstadt geht. Ich meine, wenn die Dinger sich nicht an die üblichen Blitzableiter halten, dann sieht’s nicht gut aus.“ Jorg fuhr sich mit der Hand durch die Haare und zog die Augenbrauen hoch. „Dann gibt’s nach dem Gewitter was zu tun. Was denkst du, was so ein Blitz anstellt, wenn er in das Hochwasser schlägt? Ob es die Spannung gut verteilt? Oder eher nicht? Ich meine, was passiert mit Dingen, die in der Nähe des Blitzeinschlages im gleichen Wasser stehen?“ „Ich glaube, da wird’s dann richtig heiß. Denk an die Bilder aus Indonesien! So wird es uns auch ergehen.“ „Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.“
Plötzlich wurde Jorg bewusst, daß wahrscheinlich Millionen Menschen sterben könnten und die Welt, so wie alle sie kennen, nicht mehr existieren würde, wenn das Gewitter länger anhalten würde. Er stand auf und ging in's Haus, um seinen kleinen DVBT-Fernseher zu holen. Als er wiederkam, fummelte Kranz am Radio rum, jedoch gab das nur ein sonderbar gebrochenes Rauschen von sich. Ein weiterer Blitz schlug in der Nähe ein.
„Der Radioempfang ist hin.“ Kranz schaute zu Jorg rüber, der die gleiche Erfahrung mit dem Fernseher machte. Der Fernseher war schon seit über einer Woche der reinste Luxus, da die meisten Haushalte schon lange ohne Strom waren und nur wenige einen Fernseher besaßen, der auch ohne 220 Volt funktionierte. Jetzt gab es keinen Empfang mehr – weder für Fernseher, noch für Radios.
„Ist das unheimlich.“, sagte Kranz. „Was auch immer da draußen geschieht, wir kriegen es nicht mehr mit.“
„Du hast Recht – das ist unangenehm.“
Jetzt schlug ein Blitz auf der anderen Seite der Lichtung in eine Buche. Es krachte, donnerte ohrenbetäubend und der Baum stand in Flammen. Jorg wollte gerade etwas sagen, da wurde er geblendet. Wie automatisch fiel er zu Boden, hielt sich die Hände über den Kopf und ein alles zerreißender Lärm schien direkt durch seinen Kopf zu gehen. Er schloss die Augen und die Zeit blieb stehen.
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